Debüt

Ein Winter ohne Ende

Alles bleibt beim Alten, selbst wenn alles friert: Roman Ehrlichs gelungenes Debüt

Roman Ehrlich, Jahrgang 1983, zählt zu den Schreibschulabsolventen, deren Debüts im Feuilleton oft besonders argwöhnisch beäugt werden: Man unterstellt ihnen zu wenig Welthaltigkeit und uneingelöste Andeutungen potenzieller, unter der Oberfläche schwelender Konflikte. Ehrlich wirft seinen Protagonisten und Ich-Erzähler mitten in die Welt; seine Gedanken und Bewegungen jedoch sind vom Schnee gedämpft.

Fast schlafwandlerisch entscheidet er im tiefsten Winter, seinem Alltag den Rücken zu kehren und sich zu Fuß auf den Weg zu seinen Eltern zu machen, die in einem kleinen Ort in Küstennähe leben. Auf seinem Weg durch die Kälte beschreibt er akribisch alles, was ihm begegnet: zugefrorene Jauchegruben, dampfende Gemüsebrühe, aufjubelnde Automaten und müde Kassiererinnen. Jeder visuelle Eindruck scheint gleich wichtig, wird sorgsam in das innere Protokoll des Erzählers eingespeist.

Am Ende seiner Wanderung steht kein Ankommen, kein Fallenlassen in die Arme oder das Gästebett der Eltern, sondern die Begegnung mit Richard: „Erst dachte ich: Eine sehr alte Person, gebückt und irgendwie eingefallen, und dann sah ich aber doch einen Jungen, der mich auch sah und mit mir und meinem Anblick überhaupt nichts anfangen konnte. Nach einiger Zeit fragte ich ihn, ob denn meine Eltern zu Hause seien, und er schüttelte seinen Kopf. Dann fragte ich, ob denn seine Eltern zu Hause seien, und er sagte: Ich wohne hier allein.“

Der Ich-Erzähler sucht nicht nach seinen verschwundenen Eltern; er lässt, einer Traumlogik folgend, die Identität als Sohn hinter sich und rutscht selbst in eine väterliche Rolle. Anrecht auf ein Zuhause hat nur noch der fremde kleine Junge, den er bekocht und dem er Geschichten erzählt, während draußen die Kälte immer schneidender wird und der Schnee sich immer höher auftürmt. Die erste Geschichte dreht sich um einen Vulkanausbruch auf der indonesischen Insel Sumbawa im Jahr 1815: Einschläge faustgroßer Gesteinsbrocken, Asche- und Schwefelregen und Tsunamiwellen.

Nach dem großen Sterben blieb es auf der nördlichen Hälfte der Welt ein Jahr lang Winter: „Als ich Richard vom Ausbruch des Tambora erzählte und ihn fragte, könnte es nicht sein, dass wieder irgendwo in einem fernen Erdteil eine solche Explosion stattgefunden hat und wir jetzt wieder ahnungslos umhergehen in der Kälte, zuckte er nur mit den Schultern, wollte davon gar nichts wissen, es kam mir sogar so vor, als würde er richtig wütend, je länger ich versuchte, den Ursachen auf den Grund zu kommen.“

Richard erweist sich als stures Kind, das keine Fragen beantworten will und auch ganz grundsätzlich nicht am Reden interessiert scheint. Der Ich-Erzähler versucht dennoch, eine Verbindung zu ihm aufzubauen, was meist mit Richards trotzigem Rückzug endet: Worte erzeugen hier kein Verständnis, nur Kollisionen.

Nachts schläft der Ich-Erzähler duldsam auf der Wohnzimmercouch – sein ehemaliges Kinderzimmer hält Richard besetzt –, tags überspielt er im Kellerraum des Elektrofachmarkts einen Querschnitt des Fernsehprogramms auf Videokassetten. Der Schnee scheint die Möglichkeit von Internet oder Telefonen verschluckt zu haben, der winzige Elektromarkt, der in der Jetztzeit bloßes Relikt wäre, ist nun die einzige Informationsquelle. Ehrlich zeichnet seine Figuren phlegmatisch, aber liebenswert. Man verabredet sich für „später, wenn es dunkel ist“ oder für „morgen“, und wenn man über die Vergangenheit spricht, ist nur von „gestern“ die Rede. Das Elternhaus, den ultimativ persönlichen Raum, bewohnt ein Fremder, der den Ich-Erzähler zum Eindringling degradiert. Obwohl Schnee und Kälte die Menschen dazu zwingt, in ihren Häusern zu bleiben, rücken sie nicht zusammen, beäugen einander misstrauisch, statt sich näher zu kommen. Alles bleibt beim Alten in dieser Apokalypse; das ist vielleicht die einzige Enttäuschung, mit der dieser zarte, herrlich absurde Roman aufwartet.

Roman Ehrlich Das kalte Jahr. Dumont, Köln. 248 Seiten, 19,99 Euro