Kunstsache

Verknallt in Ochi und Potchi

Gabriela Waldes wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Diese Woche ist die Stadt eine einzige Vernissage. Der fröhliche hellgrüne Punkt ist Wegweiser zu all den Orten der Berlin Art Week. Und die mit Führern und Infozetteln vollgestopften, grün-silbrigen Umhängetaschen mit dem Label suggerieren, ähnlich wie bei der Berlinale: Wir gehören, zumindest für diese Tage, zusammen. Unser Kampfauftrag heißt Kunst.

Und das Schöne ist, man sieht sich an jeder Ecke irgendwie wieder. Udo Kittelmann, Museumschef, ist wohl so etwas wie ein Daniel Düsentrieb, weil er überall gleichzeitig zu sein scheint. „Das Angebot ist eine Demonstration. Das macht schwindelig“, schon ist er wieder weg. Das Eröffnungsfest an der Auguststraße war rappelvoll, enger ging nicht. An diesem Abend konnten die Galeristen definitiv mehr mit Würstl und Becks verdienen als mit Kunst. Das Moto: wenig sehen, dafür gesehen werden.

Emma und ich haben uns verliebt, total verknallt. Zwei Rendezvous hatten wir. Allerdings wurden wir versetzt. Die Vögel sind ausgeflogen, ihre Nester leer. Die Geschichte müssen wir nun erklären. Björn Braun hat bei Meyer Riegger auf der abc, nicht weit vom Eingang entfernt, zehn flauschige, farbige Nester aufgestellt, auf hellen Sockeln wie ein kostbares Werk platziert. 5000 Euro kostet ein etwa handgroßes Exemplar.

Was dies nun soll, könnte man fragen. Diese Nestchen sind so fragil, von so ephemerer Qualität und Emma ist so berührt, dass sie den halben Nachmittag darüber spricht. Was einfache Brutstätten auslösen können! Die Arbeit ist eine echte Kollaboration zwischen Ochi und Potchi, den zwei Zebrafinken, und dem Künstler. Schon in früheren Arbeiten hat Braun sich mit Mäusen, Fledermäusen und Singvögeln beschäftigt.

In seinem Atelier in Karlsruhe haben die Ziervögel mit dem orangenen Schnabel ihren Käfig, das Türchen ist immer offen. Die beiden sind frei, so gut es halt geht. Aber gebaut wird brav hinter schützenden Gittern. Braun, aktueller Ars-Vivendi-Preisträger, liefert ihnen das Material. Federn, Perlchen, Äste, künstliche Gräser, und siehe da, recht flott und fleißig, entstehen in zwei, drei Wochen wundersame gezupfte Gespinste. Merkwürdige Hybride zwischen Natur und Künstlichkeit.

Es gibt ein poetisches Video, da sehen wir, wie die Hand des Künstlers behutsam alles bereit legt. Allerdings haben Ochi und Potchi ihren eigenen Kopf. Nicht alles, was der Mann ihnen vorlegt, ist gut genug für ihre „postmoderne Architektur“, so nennt es der Galerist. Er ist aber kein Ornithologe, kann deshalb nicht sagen, warum welches Material von den beiden abgelehnt wird. Plastik, igitt. Aber warum sollen Vögel nicht auch ihr eigenes Ding machen?

Es wird noch komplizierter, es gibt nämlich zwei Arten der Nester. Jene mit Ochi & Potchi und dem Künstler, und jene mit Ochi & Potchi und den Wildvögeln. Deren verlassene Urnester sammelt der Künstler im Wald, wenn der Zug in den warmen Süden beginnt. Ochi & Potchi setzen dann „zu Hause“ einen „zweiten Stock“ drauf.

Wie alle ist auch der Sammler Axel Haubrok quer durch die Stadt unterwegs. „Gute Stimmung“, attestiert er uns. In seinen neuen Ausstellungshallen, Honeckers ehemaliger Fahrbereitschaft in Lichtenberg, wird heute noch toll getafelt. Ein Essen mit Sammlern, die nicht in Berlin leben. Organisiert von Berliner Sammlern, eine schöne Idee, alle an einen Tisch zu bringen und zu locken. In den alten DDR-Hallen liegt ihnen die Kunst zu Füßen. „Bald eagle“ heißt die Präsentation mit Künstlern wie Santiago Sierra und Douglas Gordon. Kurioserweise geht da um einen toten Kanarienvogel.

„Hammerwerke“, also die großen Marktstürmer, hat Haubrok bislang nicht entdeckt bei seinem Rundgang. Gut so, findet er, das sei nicht Berlin. „Hier herrscht Aufbruch, hier ist es jünger, es gibt viel zu entdecken. Eine gute Entwicklung. Wir müssen nicht irgendeine Messe kopieren.“ Es sei ganz gut verkauft worden, hat Haubrok von einigen Galerien gehört. Doch erst der Kassensturz nach dem Art WeekWochenende wird Klarheit unter Berlins Galeristen bringen, ob der Kunstherbst wirklich funktioniert hat. So einfach ist das und so kompliziert.

abc, Station, Gleisdreieck, Luckenwalder Str. 4-6. Heute, 12-19 Uhr.

Fahrbereitsschaft, Herzbergstr. 40-43. Heute, 12-18 Uhr.