Klassik-Kritik

Wie in alten Horrorfilmen

Krzysztof Pendereckis „Lukas-Passion“ schockiert auch nach 45 Jahren

Die Philharmonie bebt und brodelt an diesem Abend. Spuckt Geister und Dämonen. Raunt und flüstert bedrohlich. Tanzt den Tanz der Teufel, schleudert drastische Exorzismen. Szenen wie aus Horrorfilmen stürmen und kriechen durch den Saal. Kurz gesagt: Krzysztof Pendereckis „Lukas-Passion“ steht auf dem Programm. Noch immer schockiert sie, hat auch 45 Jahre nach ihrer umjubelten Uraufführung im Dom zu Münster nicht an Wucht verloren.

Der damals 32-jährige polnische Komponist packte so ziemlich alles hinein, was der Neue-Musik-Markt im Angebot hatte. Darunter Cluster, VierteltonGlissandi, Zwölftonreihen, unangenehme Geräusche. Allgegenwärtig tönt B-A-C-H, jener doppelte Schmerzensseufzer, der dem barocken Komponisten huldigt. Bach dient dem Werk als formales Passions-Vorbild: zweiteilige Anlage, Wechsel zwischen Erzähler, Arien und Chorälen.

Pendereckis Neue-Musik-Spektakel kam anno 1968 zur rechten Zeit, schlug ein wie eine Bombe in den Elfenbeinturm der Avantgarde. Trat in den darauffolgenden Jahren einen phänomenalen Siegeszug um die Welt an. Kaum ein anderes Werk des 20. Jahrhunderts hatte von Anfang an solch durchschlagenden Erfolg beim Publikum. Noch heute dient die Partitur als wertvolles Anschauungsmaterial für Filmmusikstudenten. Denn Penderecki ist ein Meister der Spannungs- und Schockeffekte. Er versteht es, seine Zuhörer bei den Eingeweiden zu packen.

Warum dieses 80-minütige Passionswerk gerade jetzt erklingt, so ganz außerhalb der Passionszeit und außerhalb der Kirche – das mag schon etwas verwundern. Doch sei es drum. Die exquisite Akustik der Philharmonie passt hervorragend zum Penderecki. Und mit Antoni Wit steht nicht nur ein munterer Kapellmeister vom alten Schlage am Pult. Er gilt auch als ausgewiesener Spezialist für die polnische Moderne. Eine riesige Schar von Sängern und Musikern umringt ihn. Die Philharmoniker laufen in üppiger spätromantischer Montur auf. Der philharmonische Chor Warschau nimmt den kompletten Block H in Beschlag. Ein Kinderchor in Rot singt von den Podiumsbänken herab.

Ziemlich derbe scheucht der Erzähler durch die Handlung. Daniel Olbrychinski, der populäre, vielbeschäftigte polnische Film- und Theaterschauspieler – er krächzt, bellt, ja bölkt den lateinischen Text aus sich heraus. Hat eine verdorrte, verdorbene Stimme, dass einem angst und bange wird. Mit den kultivierten Sängern kontrastiert er aufs Heftigste. Da ist Jaroslaws Breks weich timbrierter Bariton, der Jesus in herbsüße Höhen führt. Da ist Christiane Libor mit ihrem ebenso feinen wie ekstatischen Sopran. Der pure Luxus, dass auch die Philharmoniker mit dabei sind. Denn eigentlich würde Pendereckis „Lukas-Passion“ auch sehr gut mit einem B-Orchester funktionieren. Umso wichtiger dagegen die Qualität des Chores, die omnipräsente Macht in Pendereckis „Lukas-Passion“. Und der überzeugt an diesem Abend auf voller Linie. Erntet am Ende zu Recht den meisten Jubel.