Serie: 50 Jahre Philharmonie

Der Mythos vom Zirkus Karajani

Vor 50 Jahren erbaute Hans Scharoun die Philharmonie. Zuerst umstritten, wurde sie zum Wahrzeichen der Stadt. Serie, Teil 1

Richard von Weizsäcker hat als Regierender Bürgermeister den Ehrenplatz gemieden. Er wollte einen besseren Sitzplatz haben. Ausgerechnet in der seitlich versteckten Ehrenloge ist die Akustik am schlechtesten. Im Haus scherzt man, dass sich daran zeige, wie demokratisch das Haus im Inneren doch sei. Als Queen Elizabeth vor einigen Jahren ein Konzert in der Philharmonie besuchte, saß sie in Block B erste Reihe. Keiner im Publikum sitzt weiter als 30 Meter vom Dirigenten entfernt.

Die Berliner Philharmonie feiert im Oktober ihr 50-jährigen Jubiläum. Der ungewöhnliche Konzertsaal von Architekt Hans Scharoun ist – in Einheit mit den bereits 1882 gegründeten Berliner Philharmonikern – längst weltweit zu einem Mythos geworden, die innere Anordnung sogar mehrfach zwischen Australien, Japan und den USA kopiert worden. Große Dirigenten und Solisten loben gern die Akustik, die Atmosphäre. Dabei war Scharouns Entwurf Anfang der Sechzigerjahre in Berlin umstritten. Die Philharmonie verkörpert eine Reihe von Traditionsbrüchen, Visionen und auch Merkwürdigkeiten, die jetzt auch beim Festakt am 20. Oktober wieder eine Rolle spielen werden. So gibt es zwar eine große Ehrenloge, aber kein Ehrengast wird darin sitzen.

Ein bisschen Kathedrale

Die Philharmonie, das sind die schönsten Weingärten der Klassik. Alles ist irgendwie schief angelegt und zugleich zentimetergenau durchdacht. 2440 Sitzplätze hat der große Saal. Der Grundriss zeigt drei miteinander verbundene Pentagone. Die Zahl Drei leitet sich von Scharouns Ansatz her, die Menschen, den Raum und die Musik zusammen zu bringen. Er hat mit der Konzertsaal-Tradition des Schuhkartons gebrochen, wonach alle vor der Bühne sitzen und wie im Theater draufschauen. Ein bisschen Kathedrale ist die Philharmonie aber schon. Die Mittelachse ist 60 Meter lang, die breiteste Ausdehnung 55 Meter. Genau im Scheitelpunkt steht der Dirigent. Wenn Sir Simon Rattle, der noch bis 2018 als Chefdirigent der Platzhirsch ist, nach oben schaut, ist die Decke 25 Meter hoch über ihm. Diese Luftigkeit ist wichtig für die Akustik, ebenso wie die Segel, die im Saal schweben und an ein Fünfzigerjahre-Mobile erinnern.

Das Publikum fragt sich seit nunmehr fünf Jahrzehnten, welches denn nun die besten Sitzplätze sind. Natürlich glauben viele, möglichst dicht am Dirigenten sitzen zu müssen. Also ganz vorn im teuren Block A. Kenner wissen, man muss mindestens sechs Meter vom Orchester entfernt sitzen, und empfehlen die erste Reihe in Block B. Wieder andere finden gerade in der verwinkelten Philharmonie den seitlich gelegenen Block E am besten, weil man dort den Dirigenten am besten beobachten kann. Als Geheimtipp gilt Block F, der nur einen Meter höher als Block E liegt, aber preiswerter ist. Die Groupies des früheren Chefdirigenten Claudio Abbado sollen Block H hinterm Orchester bevorzugen, weil sie dann ihren italienischen Maestro direkt vor sich haben. Nicht jedem Dirigenten gefiel übrigens diese neuartige Gruppierung um das Orchester herum. Hans Knappertsbusch sagte anfangs ein Konzert ab: „Das fehlte noch, wenn Hunderte von Zuhörern mir ins Gesicht schauen.“

Für den ebenso genialischen wie eitlen Herbert von Karajan, der als damaliger Chefdirigent den Neubau der Philharmonie vorantrieb, war das kein Problem. Im Gegenteil, die Musik und ihre Interpreten sollten sich auf vielfältige, auch visualisierte Weise zeigen. Bereits von Anfang an gab es in der Philharmonie ein Fernsehstudio, heute werben die Philharmoniker mit ihrer Digital Concert Hall, in der exklusive Konzerte mitgeschnitten und weltweit verfolgt werden können.

„Zirkus Karajani“ hatte die Berliner Schnauze sofort das neue Konzerthaus getauft. Alte Schwarzweiß-Fotos zeigen, wie einsam der zeltartige Bau in einem versteppten Gelände entstand. Die Grundsteinlegung erfolgte am 19. September 1960. Als gut ein Jahr später das Richtfest gefeiert wurde, verlief in unmittelbarer Nähe bereits die Berliner Mauer. Bei der Eröffnung am 15. Oktober 1963 fand sich die Philharmonie am Rande West-Berlins positioniert.

Dabei hatte der Berliner Nachkriegsarchitekt Hans Scharoun städteplanerisch ein ganzes Ensemble für diese zentrale Lage entworfen. Und die Diskussionen über das Kulturforum sind heute aktueller denn je. Zuletzt wurde beschlossen, das ein neues Museum für die Kunst des 20. Jahrhunderts gleich neben Mies van der Rohes 1968 eröffneter Neuer Nationalgalerie gebaut werden soll. Scharouns ursprüngliches Konzept wurde erst nach seinem Tod 1972 weitgehend vervollständigt. Der Kammermusiksaal und das Musikinstrumentenmuseum gesellten sich zur Philharmonie, auf der anderen Seite der Potsdamer Straße wurde die Staatsbibliothek errichtet. Alle drei Gebäude wurde von Edgar Wisniewski, einem früheren Mitarbeiter Scharouns, umgesetzt. Nach der Wiedervereinigung gab es für den angrenzenden Potsdamer Platz neue Großplanungen, weshalb Scharouns Ideen zu den Akten gelegt wurden. Hinter der Philharmonie ragt heute übermächtig das Sony-Center auf.

Leere Telefonzellen

Vor fünfzig Jahren war die Philharmonie ein hochmodernes Wagnis. Heute ist sie auch ein Fall für die Denkmalschützer. Was wie so oft zu Merkwürdigkeiten führt. Wer die Philharmonie betritt, kann rechter Hand noch die alten Telefonzellen sehen. Im Handy-Zeitalter gibt es natürlich keine Münztelefone mehr darin, aber die runden Verkleidungen dürfen nicht weggerissen werden. Backstage für die Künstlerverpflegung eine eigene Küche einzubauen, bleibt nach wie vor ein Tabu. Aber nicht alles wird konsequent erhalten. Wer durch das Foyer läuft, wird die eigentümlichen Aschenbecher aus Scharouns Zeiten vermissen. Zigarettenqualm ist politisch unkorrekt.

Ansonsten herrscht im Foyer allabendlich allgemeine Verwirrung. Dabei gibt es für Neulinge einen guten Tipp: Alle Plätze auf der linken Seite sind rot ausgeschildert, die rechte Seite grün. Die Philharmonie bleibt Berlins beliebtestes Labyrinth.