Ballett

Auftakt zum letzten Pas de deux unter Vladimir Malakhov

Keine große Kunst, aber schön anzusehen: Saisonauftakt in der Deutschen Oper

Glanzvoll startet das Staatsballett in seine letzte Spielzeit unter der Intendanz von Vladimir Malakhov. Ein buntes Dutzend Werke zeigt die Compagnie in ihrer Ballett-Gala zum Jubiläum, 2004 waren die drei Berliner Operncompagnien zum eigenständigen Staatsballett zusammengelegt worden. Aktuelle Kurzchoreographien stehen neben Ausschnitten aus Klassikern wie „Schwanensee“ oder „Don Quixote“, Soli und Duette neben großem Corps, zeitgenössisches Ballett neben russischer Schule – für alle Geschmäcker findet sich etwas im Gala-Programm. Ein dramaturgischer Zusammenhang wird gar nicht erst behauptet, man ist ja nicht im Friedrichstadtpalast, wo die Revuenummern in eine mehr oder weniger glaubwürdige Geschichte eingebettet sind. Munter geht es also durcheinander, musikalisch wie optisch, inhaltlich wie stilistisch.

Ein tänzerisches Kabinettstückchen nach dem anderen dürfen etwa die großartigen Ersten Solisten Iana Salenko und Dinu Tamazlacaru im Grand Pas aus Marius Petipas „Don Quixote“ zeigen: perfekt geneigte Arabesques penchées, doppelt geschlagene Cabrioles, endlose Fouettés en tournant, mit Aplomb und Esprit vorgetragen – innerhalb der Bonbonnière des Abends öffnet sich eine weitere Pralinenschachtel. Die Opulenz strassbesetzter Tutus und strahlender Lüster trifft im imaginären Ballsaal von Balanchines „Ballet Imperial” auf eine schnörkellose, streng klassische Linie, die Shoko Nakamura routiniert absolviert.

Malakhov gestaltet sein Gala-Programm offenbar unter dem Anspruch maximalen Kontrasts: Licht und Schatten, Schlichtheit versus Ornament – man könnte zahlreiche weitere Gegensätze finden. Auch die Besetzung spiegelt die umfassende Befriedigung aller Ansprüche wider: Neben den Ersten Solisten kommen auch Nachwuchstänzer wie Krasina Pavlova oder Kévin Pouzou zum Zug, und natürlich tanzt der Chef selbst: Im mehr als 20 Jahre alten Solo „Voyage“ erzählt er, mitunter pantomimisch, aus dem Leben eines Tänzers. Handküsse verteilend, an einem Sprung scheiternd, sich erneut antreibend, ist es eindeutig die Kraft der Interpretation und nicht mehr das tänzerische Vermögen, das diese Einlage auszeichnet. Bejubelt wird neben „Don Quixote“ vor allem die humorvolle Miniatur „Ballett 101“ des Stuttgarter Theaterhaus-Choreographen Eric Gauthier. In rasender Folge exerziert Vladislav Marinov imaginäre Ballettpositionen zwischen Klassik und Groteske, bis am Schluss eine entgliederte Schaufensterpuppe auf der Bühne liegt: Den Tänzer soll’s zerrissen haben. Großes Gelächter.

Derart harmlos wird man rund zweieinhalb Stunden auf hohem Niveau unterhalten – die Welt des Balletts hat diese Compagnie wahrhaftig nicht revolutioniert. Zeit für einen Neuanfang, das befanden auch der Kultursenator und Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit sowie sein Staatssekretär André Schmitz, die an diesem Abend zu den Gala-Gästen zählen. Im Frühjahr hatten sie Vladimir Malakhov ausgebootet: Der ukrainische Ballettstar, der vor zehn Jahren antrat, das Staatsballett in die Weltspitze zu führen, hat seinen Vertrag nicht verlängert. Malakhov war wegen seiner mäßig erfolgreichen Spielplangestaltung unter Beschuss geraten, Anfang 2012 musste er die vorzeitige Kündigung seines Starzöglings, der Primaballerina Polina Semionova, verkraften. Ersetzt wird Malakhov 2014 durch den ebenfalls nur noch mäßig beleumundeten Nacho Duato. Bis er anfängt, wird wohl das Erreichte verwaltet werden, das legt zumindest ein Blick ins Spielzeitheft des Staatsballetts nahe. Aller schillernden Marketinggirlanden zum Trotz wird es nur eine wirkliche Premiere geben: „Don Juan” von Giorgio Madia.