Otto Sander

„Mit ihm geht uns ein großer Gaukler verloren“

Prominente Freunde und Weggefährten erinnern sich an den Berliner Schauspieler Otto Sander

Ein Vierteljahrhundert spielte Otto Sander an der Schaubühne, er drehte Filme, machte Fernsehen, Hörspiele und Lesungen – wer ihn einmal gehört hat, vergisst diese Stimme nicht mehr. Am Donnerstag starb der Schauspieler 72-jährig in Berlin. Wir haben Weggefährten und Kollegen gebeten, ihre Erinnerungen an Otto Sander zu erzählen. Stefan Kirschner und Peter Zander haben sie aufgeschrieben.

Unverschämt frech und direkt

„Merkwürdigerweise haben wir in den letzten Tagen im Berliner Ensemble oft über Otto Sander gesprochen – als ob man etwas ahnen könnte. Aber die Nachricht von seinem Tod traf uns dann doch wie ein Blitz. Einen Moment lang hat das Theater den Atem angehalten. Die Welt ist ärmer um einen großartigen Komödianten. Die Regisseure Luc Bondy und Leander Haußmann haben ihre Proben unterbrochen. Wir haben uns an Otto erinnert, an seine Stimme, an sein Lachen, seinen Sarkasmus. Das BE war in den letzten Jahren seine Theaterheimat geworden. In der Uraufführung von Christoph Ransmayrs Drama „Die Unsichtbare“ spielte er den Feuerwehrmann Sankt Florian an der Seite von Kirsten Dene. Seine Lesungen am BE waren Sternstunden der Sprache, der Literatur und des Komödiantischen.

Der Schauspieler Otto Sander steht für den Aufbruch ins Heute. In den 60er Jahren träumten wir den Traum eines neuen Theaters. Wir wollten Schluss machen mit dem Theater der Väter. Weg mit den klassischen Helden, mit Eitelkeit und Pathos. So war Otto kein König, kein Prinz und auch kein Papst. Er verkörperte in seinem Spiel die Moderne. Der moderne Spieler! Er stand für das, was wir uns damals erhofften. Selbstironisch, mit Sarkasmus gegen das „Theater der Väter“.

Ich habe ihn schon 1967 getroffen, in Heidelberg, übrigens zusammen mit Uli Wildgruber. Wir spielten dort Theater wie wild und haben das schlummernde Heidelberg ganz schön auf den Kopf gestellt. Ich erinnere mich noch an seinen Dauphin in Schillers „Jungfrau von Orleans“. Ein magerer, seltsam krächzender Vogel, voller Sommersprossen, unverschämt frech und direkt, immer schon verzweifelt komisch.

Ich holte ihn nach Berlin. Wir gründeten die Schaubühne am Halleschen Ufer und führten Handkes „Ritt über den Bodensee“ zu einer umjubelten Uraufführung. Die Arbeit an Handkes wichtigem Stück war innerhalb der Schaubühne heftig umstritten und umkämpft. Die mächtige Linksfraktion im Theater konnte Handke nicht leiden. Otto Sander und Bruno Ganz kämpften für diesen Dichter – und für das Theater von Claus Peymann. Otto war ein spielerischer Anarchist, ein tragischer Clown und er war intelligent – was am Theater nicht allzu häufig vorkommt. Schade, dass er nie Shakespeares Richard III. oder König Lear gespielt hat. Was wäre das für ein herrlicher Lear gewesen. Der Vorwurf trifft mich, dass ich ihn nicht zum Lear verführt habe.

Das deutsche Theater hat einen ganz großen, vielleicht den größten und zugleich bescheidensten Schauspieler seiner Generation verloren. Er eröffnete eine neue Hemisphäre des Spiels, beflügelte und bereicherte Regisseure und Autoren, beglückte die Zuschauer – nun geht’s im Himmel also weiter…“

Claus Peymann, Regisseur und Direktor des Berliner Ensembles

Man denkt gern über ihn nach

„Ich fand Otto Sander besonders. Er hatte einen so feinen, fast angelsächsischen Humor. Jedes Mal, wenn wir uns getroffen haben, hatte er 1000 Ideen. Das war wunderbar. Man ist traurig, dass er gestorben ist, aber man freut sich, an ihn zu denken. Er ist jemand, über den man sehr gern nachdenkt.“

Luc Bondy, Regisseur

Ein Segeltörn mit Otto

„Mit Otto Sander habe ich das erste Mal 1974 an der Schaubühne gespielt – und dann immer wieder, beispielsweise in „Sommergäste“ oder „Death Destruction & Detroit“ von Robert Wilson. In den Proben hat Otto viel hinterfragt, besonders beim „Weißen Rössl“, da sagte er, da ist noch ein Hund begraben, da kann man noch mehr rausholen. Er hatte ein Buch mit Gags beziehungsweise Timing-Sachen dabei. Er hatte sich das alles aufgeschrieben von Curt Bois, mit dem er auch befreundet war: wie man auf einen Gag zuläuft, mit welchen Pausen und so. Das war wahnsinnig. Otto hat sehr akribisch an solchen Dingen gearbeitet.

In der „Trilogie des Wiedersehens“ hatte ich einen Auftritt, musste auf die beiden Damen Edith Clever und Libgart Schwarz zulaufen und hatte einen Satz zu sagen, ich weiß aber nicht mehr, was. Da gab es immer einen Zwischenapplaus, aber irgendwann war der weg. Ich traf Otto vor der Szene in der Garderobe und habe ihn gefragt: Verstehst du das? Sagt Otto: Wenn du angekommen bist, musst du einfach eine Sekunde länger warten. Ich hab’s gemacht – und er war wieder da, der Zwischenapplaus. Otto hatte sehr viel Ahnung von Timing, da habe ich viel von ihm gelernt.

Aber das Tollste, was ich mit Otto erlebt habe, waren zwei Segeltörns im Mittelmeer, drei Wochen zwischen Griechenland und der Türkei. Da lernt man sich kennen! Wir waren mit anderen Schaubühnen-Kollegen wie Udo Samel und Bruno Ganz unterwegs, Ben Becker war auch an Bord und trug dazu bei, dass das ganze Ding ein bisschen lebhaft wurde. Es war nah an der Katastrophe. Beim zweiten Mal sind dann die jeweiligen Frauen mitgekommen, da war es friedlicher.“

Gerd Wameling, Schauspieler

Herausragender Ensemblespieler

„Otto Sander kam 1971 an die Schaubühne, sein Debüt gab er in Handkes „Ritt über den Bodensee“, das war Claus Peymanns erste und letzte Regie als Mitdirektor der Schaubühne. Otto Sanders letzte Inszenierung war 1995. In dieser Zeit hat er bei uns an die 40 Rollen und etwa 2000 Vorstellungen gespielt. Er war einer der großen Schauspieler, sein Zentrum war immer das Theater. Otto Sander war alles andere als ein strahlender Held, er war ein herausragender Ensemblespieler. Seine Bühnenpräsenz war ganz wesentlich durch diese sonore und ungeheuer modulationsfähige Stimme geprägt. Er war ein von Grund auf optimistischer Mensch mit einem ungeheuren Humor, ohne alle Allüren. Er hat sich auch in den großen Rollen nie in den Vordergrund gedrängt.“

Jürgen Schitthelm, Mitgründer und langjähriger Direktor der Schaubühne

Auf Rosen gebettet

„Otto Sander war eine Institution. Er war das auch in unserer Bar jeder Vernunft. Er war ja ein Schirmherr von uns, aber weit darüber hinaus auch ein ganz enger Freund. Wir haben beispielsweise einen Hochzeitstag von ihm und Monika Hansen bei uns in der Bar gefeiert, wir hatten da noch einen stattlichen Wohn-LKW auf dem Gelände stehen und haben den ganz mit Rosen ausgestattet. Wir haben die beiden also buchstäblich auf Rosen gebettet. Und sie hatten unheimlich Spaß, ihre Hochzeitsnacht dort zu verbringen.

Der Kontakt zu Otto Sander war immer da, verdichtet hatte er sich 1994, nach der legendären Aufführung von „Im weißen Rössl“. Da hat er nicht nur eine wunderbare Rolle gespielt, sondern sang da auch mit seiner wunderbaren, brüchigen Stimme das Lied vom Reisefieber, aber auch von der letzten Reise. Daran musste ich sofort denken, als ich von seinem Tod erfuhr.

Gleich nach dem „Rössl“ haben wir in der Bar zu seinen Ehren ein Messingschild mit seinem Namen angebracht, an seinem Stammplatz, dem Tresen. Wir haben nicht nur einen hervorragenden Schauspieler verloren, sondern auch einen wunderbaren Freund und Ratgeber. In der Theaterszene hat man das nicht allzu oft. Er war einer der ersten, der die Verbindung hergestellt hat zwischen Unterhaltung und der sogenannten Hochkultur. Das war damals ja noch nicht so üblich. Da war er ein ganz kühner und uneitler Vorstreiter.

In der letzten Zeit war sein Platz oft verweist. Insofern hat uns die Nachricht von seinem Tod nicht überrascht. Aber wir sind hier alle fix und fertig. Er wollte immer noch kommen, musste aber immer wieder absagen und war zuletzt durch seine Krankheit zunehmend ans Bett gefesselt. Insofern war der Tod vielleicht auch eine Erlösung. Jahrelang war er bei uns Abend für Abend präsent, mit seiner Stimme vom Band zu Beginn jeder Vorstellung. Das abzuspielen, verbietet sich fortan. Wir haben vor, ihn in der Bar noch zu würdigen, mit einem speziellen Abend vielleicht. Aber das müssen wir erst mit seiner Witwe Monika Hansen besprechen.“

Holger Klotzbach, Betreiber der Bar Jeder Vernunft

Ein Seelenverwandter

„Es gibt Menschen, da trifft es dich, wenn sie sterben, es gibt Menschen, da ist es dir egal. In diesem Fall hat mich das in der Seele getroffen. Weil es vielleicht auch eine Seelenverwandtschaft mit ihm gab. Ich sage immer: Es gibt Darsteller, Schauspieler – und Gaukler. Ich glaube, Deutschland hat mit Otto Sander einen ganz großen Gaukler verloren.

Mir hat einmal ein Dozent an der Schauspielschule gesagt: „In ein paar Jahren werde ich dich wiedertreffen. Wenn du dann Schauspieler geworden bist, will ich dich nicht mehr kennen.“ Als er mich Jahre später traf, sagte er: „Katrin, du bist ein Gaukler.“ Ich finde, das ist ein ganz großes Kompliment. Und das war für mich in einem riesengroßen Ausmaß Otto Sander. Gaukler sein: Das ist das, was man in diesem Beruf nicht erlernen kann. Das hat man oder man hat es nicht. Da kann keine Schauspielschule helfen. Darsteller spielen dem Publikum etwas vor. Das hat Otto nie getan. Der hatte das in sich. So wie er gelebt hat, so spiegelte sich das wieder, und der Zuschauer hat das gesehen und erkannt. Der sah eine Ehrlichkeit, sah den Menschen. Das ist eine große Gabe. Der Mann brauchte bloß aufzutreten. Es war die Stimme, es war die Seele, das stimmte eben alles. Otto wird sich jetzt mit Harald Juhnke treffen – und uns auslachen. Wenn die beiden auf uns runtergucken, werden die denken, was krepeln die da unten in ihrem Hamsterrad? Was die schuften und machen, das ist alles nur Generalprobe. Das Eigentliche findet hier statt.“

Katrin Sass, Schauspielerin

Das Maß aller Dinge

„Als Schauspieler konnte Otto Sander schier jeden „geben“ – vom Schurken bis zum Liebhaber. Unverwechselbar, präzise, immer mit einem Hauch von Ironie, mit dem er sagen wollte: nehmt mich ernst, aber bitte nicht nur! Aber auch schon der Sprecher Otto Sander ist für mich einmalig. Seine Stimme reichte - ein raues Organ, das zugleich viel Gemüt, viel Lebenserfahrung hat hören lassen - sie reichte um den Hörer von einem Augenblick zum andern für etwas zu gewinnen: für eine Sache, für eine Geschichte.

Als wir das Filmkunst 66 in der Bleibtreustraße übernommen und neu eröffnet haben, wollte ich, dass zur Feier des Tages aus einem Buch über die Geschichte des Kinos gelesen würde. Für mich war klar, dass das nur Otto machen konnte, für mich das Maß aller Dinge für die Erzähler, für die "raunenden Beschwörer des Imperfekts", wie Thomas Mann sie genannt hat. Ich sprach mit Otto darüber. Es ging ihm sichtbar nicht gut. Aber er lächelte mich an und sagte: ja, ja, ich mach das. Und dann machte er eine Pause und fügte noch hinzu: gern! Ich mach das wirklich gern. Er hat es nicht nur gern, er hat es gut gemacht.

Und es gab dann noch den Menschen Otto, der das Leben liebte bis zur Grenzgängerei, so, wie es ihn auch geliebt hat. Wir sind uns im Lauf der Jahrzehnte oft begegnet, beim Drehen, in der Schaubühne, im Kino, auf der Straße. Natürlich hat so einer auch Launen gehabt, aber er hat vor allem Laune gemacht. Er war echt. Ich rechne Otto Sander zu den wenigen ganz Großen, wenn es um die Kunst des Schauspiels und die Kunst des Lebens geht.“

Regina Ziegler, Filmproduzentin