Interview

„Die abc-Messe ist sehr typisch für Berlin“

Der Kunstherbst beginnt: Maike Cruse, die neue Leiterin, über junge Sammler, Offenheit und Internationalität

Malerfürst Markus Lüpertz stöckelt vorbei, man erkennt ihn nicht gleich, von hinten sieht er aus wie Fidel Castro, vom Kopf bis Fuß im Militari-Look. Um die Ecke soll es einen Maßschneider geben, wo der Maler seine Anzüge fertigen lässt. Bürohund Sparky springt fröhlich auf der Treppe des Cafés Coco Vadis herum, viel los die Tage hier, denn das Büro der Kunstverkaufsmesse abc, Herzstück der Berlin Art Week, hat hier temporär Unterschlupf gefunden am Tempelhofer Ufer 32. Einige Meter weiter in der Station, ehemals Postfuhramt, wird die abc am 19. September eröffnen. 130 Galerien sind dabei.

Auf einem Tisch liegt ein mindestens zwei Meter langer Galerienplan, farbige Kärtchen bezeichnen Galerie, Lage und Künstler in den drei Ausstellungshallen. Frontfrau für die Galeristen und Künstler ist Maike Cruse, die Neue vom Dienst: Sie soll die abc, die das Art Forum ersetzen will, im Profil nicht nur stärken, sondern international auch trittfest machen. Cruse, bestens vernetzt, kennt Berlin von der Pike auf. Als PR-Frau fing die 38-Jährige bei den Kunstwerken (KW) an, das Ausstellungshaus für Gegenwartskunst, später war sie eine der Initiatoren der kunterbunten „Forgotten Bar“, dort öffnete jeden Abend eine „Ausstellung“. Zuletzt reiste sie als Kommunikationslady der Art Basel durch die Welt.

Berliner Morgenpost:

Wenn ich mir so das dicke Programm der abc ansehe, könnte man bald meinen, aus der Verkaufsausstellung ist ein Festival geworden mit Musik, Postersigning, Tanz und Diskussionen?

Maike Cruse:

Ja, die abc ist in diesem Jahr wegen des umfangreichen Programms und den vielen zeitbasierten Arbeiten fast wie ein Festival. Es gibt übers ganze Gelände verteilt Programmpunkte im Halbstunden oder Stundentakt. Jede Aktion wird von einer Soundarbeit von Pae White angekündigt, die über die Lautsprecher auf dem Gelände eingespielt wird. Das diesjährige Programm legt sich wie eine zusätzliche Schicht über die künstlerischen Positionen. 122 Arbeiten sind insgesamt auf der abc zu sehen, das kann man ganz gut an einem Nachmittag bewältigen, für das Programm kann man vier Tage bleiben.

Da haben Sie wahrscheinlich ein paar gute Tipps ...

Thomas Zipp wird am Eröffnungsabend bei seiner Installation eine Performance mit Lesung aufführen, das Christoph Schlingensief-Operndorf mit Aino Labarenz, Anri Sala und Andy Hope wird eine Live Schaltung nach Burkina Faso legen, Mathew Hale und Nasan Tur werden über ihre Arbeiten sprechen und das New Yorker Künstlerkollektiv DiS hat eine spezielle Präsentation vorbereitet. Michele di Menna zeigt eine Performance wie sie ihre Arbeit ganz zu Anfang der abc aufbaut und zum Schluss am Sonntagabend wieder zusammenpackt. Es gibt also viel zu sehen.

Und was ist also neu in diesem Jahr?

Wir haben den Galerien mehr Zeit gegeben, sie früher eingeladen als in den letzten Jahren. Daraus hat sich ergeben dass sehr viele neue und ortsspezifische Werke entstehen konnten. Außerdem die Idee vieler Künstler, ihren Arbeiten noch eine Performance oder eine Lesung hinzuzufügen. Wir haben ja nicht die üblichen Messestände, sondern versuchen offen zu sein. Wenn das von den Galerien und Künstlern auch genutzt wird geht das Format von abc auf.

Was macht abc anders, im Gegensatz zu einer klassischen Messe?

Vor allem natürlich, dass die Galerien hier ausschließlich Einzelpositionen präsentieren und sich damit auf eine Arbeit konzentrieren. Sonst gibt es wenig Regeln, was vor allem die Künstler freut. So kommt es dann zu Vorschlägen wie die Steine mit Sound von Hannah Weinberger übers ganze Gelände zu verteilen, eine Tanzchoreographin zu zeigen wie Alexandra Bachtzetsis und ortspezifische Arbeiten zu machen wie zum Beispiel von Thea Djordzadze.

Wie ist Ihre Rolle im Zusammenspiel mit den Galerien? Der Druck unter den Galerien soll ja groß sein.

Ich finde das Zusammenspiel der Berliner Galerien eigentlich ganz entspannt. Meine Rolle sehe ich darin, den Galerienstandort durch die abc zu stärken, denn die Galerien sind die, die maßgeblich die Künstler fördern. Da habe ich aus meinen vorherigen Jobs viel gelernt. In meiner Zeit in den KW habe ich viel mit bekommen über das Ausstellungsmachen und die Kunstszene der Stadt, bei der Art Basel viel über den internationalen Kunstmarkt. Erfahrungen, die sich hoffentlich zusammenfügen.

Berlin hat das starke Gallery Weekend im Frühjahr und die abc im Herbst. Ist das nicht zu viel? Kommen die Sammler gleich zu zwei Terminen?

Wir haben den Eindruck, zwei Termine im Jahr funktionieren gut, und sie unterscheiden sich ja auch im Profil. Die Leute kommen gerne und oft nach Berlin, die Stadt ist ein beliebtes Ziel.

Dieses Mal richten Sie Ihren Blick besonders auf Nachwuchssammler. Gibt es da wirklich viele in der Stadt?

Bei der abc nehmen ja zahlreiche junge Galerien teil, teilweise auch mit ganz jungen Künstlern. Wir wollen gerne nachhaltig den Kunstmarkt beleben und aktivieren, auch hier in Berlin, damit die Galerien übers ganze Jahr und mehr in die eigene Stadt verkaufen können. Junge Galeristen in Berlin erzählen uns, dass sie viel nach Berlin verkaufen. Es ist ja kein Geheimnis, dass die Situation im Kunstmarkt hier in der Hauptstadt als eher schwach gilt, aber wir haben den Eindruck es kommt jetzt einiges in Bewegung.

Was sind das für junge Leute?

30 bis 40-Jährige, Start-Up-Unternehmer, Anwälte, Medien- und Filmleute, Leute, die hier ihre Immobilien haben. Die abc Bar im Pauly Saal in der Jüdischen Schule wird abendliche Anlaufstelle, hier legen Leute aus der Szene auf. Man lernt tagsüber Galeristen und Künstler für deren Arbeit man sich interessiert auf der abc kennen, trinkt abends mit denen ein Bier und kauft dann irgendwann mal was bei dem Galeristen oder unterstützt den Künstler sogar über viele Jahre.

Kann denn diese offene abc wirklich mittelfristig eine Kunstmesse in Berlin ersetzen?

Wir haben schon den Eindruck, dass die abc die richtige Antwort auf den hiesigen Markt ist. Das Art Forum hatte gute Zeiten, aber der Kunstmarkt verändert sich schnell. Große Messen kamen im Herbst hinzu, andere starke Standorte. Da ist die abc sehr Berlin-typisch. Die teilnehmenden Künstler, die oft auch in Berlin ansässig sind, stehen im Vordergrund und die Teilnahmebeiträge bei der abc sind vergleichsweise gering, was uns auch für internationale Galerien attraktiv macht. Der Teilnahmebeitrag liegt bei 4000 Euro, und einige Galerien teilen sich den Künstler, und damit auch die Kosten. Das ist doch ein gutes Zeichen, dass Galeristen nicht nur ihr eigenes Territorium verteidigen, sondern mit Kollegen zusammen ausstellen.