Theater-Kritik

Wenn der Mensch zum Objekt wird

Kompaktes Kammerspiel und anregendes Gedankenexperiment: „Sex Patent“ am Theater 89

Mehr als 65.000 Patente hat das europäische Patentamt im vergangenen Jahr erteilt. Eins auf Sex war nicht dabei. Das wäre gar nicht mal so kurios wie es zunächst klingt. Es gab in den vergangenen Jahren zahlreiche ziemlich eigenartige und umstrittene Patenanträge. Auf Pflanzen, auf Tiere oder auf ein Verfahren zur Gewinnung von embryonalen Stammzellen. Was nun nicht direkt Sex ist, aber im weiteren Verlauf zumindest zu einem ähnlichen Ergebnis führen könnte. Autor Hans-Henner Hess hat sich in seinem Stück „Sex Patent“ so eine Welt ausgedacht, in der von der Fortpflanzung bis zum Flüssigkeitshaushalt der gesamte menschliche Organismus patentpflichtig ist. Und wer, wie Sylvia und Rick, nicht über die nötige Menge Patentmark verfügt, tja, für den ist Sex schlicht zu teuer und das Update fürs Darm-Patent auch. Was beides nicht schön ist. Das Theater 89 zeigt diese schlimme neue Welt als Uraufführung in seinem neuen Domizil in der Moabiter Putlitzstraße. Regie führte Gabriele Förster.

Die hat klug entschieden, diese Utopie möglichst wenig nach Science Fiction aussehen zu lassen und damit sehr greifbar zu machen. Wie Sylvia und Rick da auf dem Bett ihre Beziehungsgespräche führen, wie sie nebenbei schnell mal was auf dem Rechner oder am Smartphone abchecken, das sieht schon sehr nach stinknormalem jungen Paar von um die Ecke aus. Einzig die silberne Armbinde, die bei beiden unter dem linken T-Shirt-Ärmel herauslugt, signalisiert, dass diese zwei unter veränderten Daseinsbedingungen leben. Es handelt sich um das Vital-Implantat, über das alle Körperfunktionen kontrolliert und entsprechende Updates und Flatrates in den Organismus eingespeist werden. Laura Louisa Garde spielt die Sylvia dabei als leicht verträumte Romantikerin mit revolutionären Ambitionen, Christian Natters Rick dagegen strebt weniger nach politischer als nach ökonomischer Freiheit. Beide Figuren fügen sich damit ganz prima in das auf Gegenwart getrimmte Zukunftsszenario. Nur Axel Hartwig verlegt seine Nebenfiguren bisweilen zu sehr ins Groteske.

Wie Sylvia und Rick ihrem Dilemma entkommen, wie sie über ein spezielles Anti-Angst-Patent das perfide System am Ende mit seinen eigenen Waffen schlagen, das ist zwar sehr konstruiert, aber weil es geschickt über die beiden Hauptfiguren entwickelt wird, verfehlt dieses kompakte Kammerspiel nicht seine Wirkung als anregendes utopisches Gedankenexperiment.

Theater 89, Putzlitzstr. 13, Moabit. Termine: 13./14., 20./21.9..Tel.311 611 90