Roman

Eine Frau mit dunklen Seiten

Vor sieben Jahren hat die amerikanische Autorin Marisha Pessl ein brillantes Debüt geschrieben. Jetzt veröffentlicht sie einen Horror-Roman

Es ist leicht, Marisha Pessl zu hassen. Als die Amerikanerin vor sieben Jahren zum literarischen Wunderkind gekürt wurde, geschah das mit einem Getöse, das stutzig machte. Und tatsächlich, die damals 29-Jährige schien von allem zu viel zu haben: zu viel Talent, zu viel Bildung, zu große Rehaugen, zu lange hellbraune Haare, die in weichen Wellen über ihre Schultern flossen, eine zu schmale Taille, einen zu reichen Börsenbroker-Ehemann. Noch dazu hatte sie mit „Die alltägliche Physik des Unglücks“ einen geradezu aufdringlich brillanten Debütroman geschrieben, der von der „New York Times“ zu den fünf besten Büchern des Jahres gezählt wurde und für den Hollywood sich sofort die Filmrechte sicherte. Miss Pessl war Miss Perfect. So eine muss man doch hassen, oder?

Inzwischen ist Pessl 36 Jahre alt, der Wunderkind-Bonus ist verflogen. Die Kritiker wetzen weltweit ihre Messer, denn nun steht die wahre Bewährungsprobe an: Wird ihr lang erwarteter zweiter Roman überzeugen? Ist sie tatsächlich eine ernst zu nehmende Schriftstellerin oder doch nur eine hübsche literarische Eintagsfliege? Die Branche immerhin glaubt an sie, angeblich soll Pessl für „Die amerikanische Nacht“, wie ihr neuer, fast 800 Seiten dicker Roman heißt, einen Vorschuss von einer Million Dollar eingestrichen haben. Ihr Verlag kündigt ihr Werk mit drei Adjektiven an, die wie Pistolenschüsse klingen: „souverän, tödlich, perfekt“.

Eine strahlende Teflon-Frau

Pessl, den Nachnamen hat sie von ihrem österreichischen Vater, bestellt in dem edlen Restaurant an New Yorks Upper East Side ungesüßten Eistee und strahlt ihr Gegenüber an: „Wundervoll! Großartig!“ Es ist verwirrend, da sitzt tatsächlich die sehr schöne, sehr sorgfältig geschminkte Teflon-Frau, als die sie beschrieben worden ist. Aber wie passt das mit ihrem neuen Buch zusammen? „Die amerikanische Nacht“ ist, wenn man so will, die depressive Schwester des vorlauten ersten Romans „Die alltägliche Physik des Unglücks“. Alles Altkluge, Sprudelnde, in postmoderne Spielereien Vernarrte ist bis auf ein paar pseudo-dokumentarische Zeitungsartikel und Internetseiten, die dem Buch untergemischt sind, verschwunden. „Night Film“, so der Originaltitel, schlägt kaum noch erzählerische Pirouetten – weniger ambitioniert ist der Roman deswegen nicht. Er gleicht einem vielköpfigen Genre-Drachen, ist Thriller, New-York-Porträt, Vater-Tochter-Geschichte und Meditation über die Kraft der Imagination und des Glaubens in einem. Und er entwickelt einen schaurigen Sog, der einen in immer finstere Regionen der menschlichen Psyche hinabzieht.

„Wir alle haben unsere dunklen Seiten, nicht wahr?“, sagt Pessl und lacht ein wenig zu schrill. Sie habe in „Night Film“, wie das Buch im Original heißt, jene obskuren Ecken ausleuchten wollen, die man in unserer überbelichteten Welt nicht sieht, die aber dennoch existieren. Das sei aus ihrem Wunsch geboren worden, der Populärkultur eine subversive Figur hinzuzufügen. Mindestens in der Liga der mordenden Psychopathen Charles Manson und Jim Jones. In ihrem Buch ist diese Figur der geheimnisumwitterte, zurückgezogenen lebende Horrorfilmregisseur Stanislas Cordova. Dessen Filme sind nur über geheime Kanäle zu bekommen und werden von Cineasten kultisch verehrt. Dazu inspiriert habe sie ein Artikel über Stanley Kubrick.

Die Handlung setzt ein, als der Ich-Erzähler, der abgehalfterte Journalist Scott MacGrath, vom Tod der jungen Ashley Cordova hört, der Tochter des Filmemachers. Es sei Selbstmord gewesen, heißt es. Scott will es nicht glauben, seine Recherchen über Cordova hatten ihn seine Karriere gekostet, weil er behauptet hatte, der Mann sei gefährlich, ohne es beweisen zu können. Er macht sich daran, der Sache auf den Grund zu gehen.

Erlösung durch Kunstwerke

Mit Scott und zwei weiteren Begleitern geht der Leser auf eine Reise, die in einen geheimen Sado-Maso-Sexklub, ein Laden für Hexenbedarf und eine verlassene Kulissenstadt auf einem weitläufigen Landsitz führt. Das Böse scheint aus jeder Ritze zu wabern, gruselige Puppen tauchen auf, Menschen werden mit schwarzer Magie belegt. Dennoch hat der Roman nichts Fantastisches, es ist eher so, als bewege man sich im Hier und Jetzt, schlüge den Teppich des Realen zurück – und entdeckte einen darunter liegenden Morast des Unbewussten, Verdrängten, Unaussprechlichen. Im Zentrum steht die Sehnsucht nach Kunstwerken, welche die Kraft haben, ihre Betrachter zu erlösen. Bei den Filmen Cordovas funktioniert das, indem sie zu Tode erschrecken: „Man öffnete die Augen für das Brutale und Dunkle und Großartige des Lebens und besiegte so die Ungeheuer im eigenen Kopf.“

Pessl bleibt während des Gesprächs maximal unverbindlich, man hätte schwören können, von ihr kein einziges persönliches Wort gehört zu haben. Doch hinterher, auf dem Band, spricht eine nachdenkliche Marisha Pessl: Von ihrem Mann, dem Börsenbroker, ist sie geschieden, ihr Vater ist vor wenigen Jahren gestorben, ihre Großmutter starb in der Zeit, als sie an dem Buch schrieb. „Da ist viel auseinandergebrochen“. Könnte es sein, dass hier eine Frau sitzt, die ihre tadellosen Manieren als Maske benutzt, um sich vor den Zudringlichkeiten ihrer Umwelt zu schützen?

Doch diese Geschichte hat kein Happy End: Es könnte sein, dass Pessl sich für „Die amerikanische Nacht“ etwas üppiger aus einer fremden Quelle bedient hat, als zulässig. Es gibt da diesen 1991 erschienenen Roman „Schattenlichter“ („Flicker“ im Original) des vor zwei Jahren verstorbenen kalifornischen Geschichtsprofessors Theodore Roszak. Dieses halb vergessene Buch weist erstaunliche Parallelen zu Pessls Thriller auf. Auf Übereinstimmungen angesprochen, antwortet Pessl: „Gosh, nein!“, und reißt ihre Augen noch ein kleines Stückchen weiter auf, „noch nie davon gehört.“ Sie lässt sich den Namen des Autors auf einen Zettel notieren, und währenddessen wechselt ihre Gesichtsfarbe von Make-up-matt zu rot. Oder ist das eine Sinnestäuschung? Für ihren dritten Roman soll der Vorschuss 1,5 Mio. Dollar betragen haben.

Marisha Pessl: Die amerikanische Nacht. Übersetzt von Tobias Schnettler. S. Fischer, 800 Seiten, 22,99 Euro.