Konzert

Nieten-Heino reißt alte Gräben ein

Späte Würdigung: Der Volkssänger erfreut sich und seine Fans im IFA Sommergarten

Endlich kann sich Heino ein Haus am See leisten. Auf seine alten Tagen konnte er sich diesen Traum erfüllen. Und er lacht, wie er das sagt. Er steht auf einer Bühne mit neun Musiker. Ein langer Ledermantel mit Nieten um seine Schultern. Heino ist die Symbiose aus der Lederjackenwelt von Strokes-Sänger Julian Casblancas und der heiligen, weißen Haartracht Andy Warhols.

Heino wurde im Jahr 2013 zur konzentrierten Essenz der Popkultur. Der IFA-Garten am Messedamm ist vielleicht halb gefüllt. So groß war die Euphorie über Heinos Comeback dann doch nicht. Wenn er Peter Fox’ „Haus am See“ spielt, ist es trotzdem eines der größten Vergnügen. „Und der Mond scheint hell auf mein Haus am See/ Orangenblätter liegen auf dem Weg/ Ich habe zwanzig Kinder, meine Frau ist schön“. Letztendlich ist Heino gar nicht weit entfernt von den Künstlern, die er auf seinem Album „Mit freundlichen Grüßen“ covert. Bei Fox ist es die Frau mit den Kindern im Haus am See, bei Heinos „Blau blüht der Enzian“ heißt es: „Wenn des Sonntags früh um Viere die Sonne aufgeht/ Und das Schweizer Madel auf die Alm ’naufgeht“. Eigentlich beschreibt das die genau gleichen Schattierungen von Glück.

„Hannelore macht mich auch noch nach 34 Jahren willenlos“, bekennt Heino unter den nicht enden wollenden Lauter-Rufen der Zuschauer. Er spielt Lieder von Fräulein Meyer, von Katja. Die alten Knaller aus den Siebzigern und Achtzigern. „In Wacken ließen wir’s so richtig knacken“, zählt er „Sonne“ von Rammstein ein. Er ist sichtlich stolz, auf den Applaus, auf die späte Würdigung seines Werkes. Natürlich ist in den Rufen ein Hauch von Ironie zu hören. Aber wie ironisch können denn junge Menschen sein, die vierzig Euro für eine Karte ausgeben? So wertvoll kann die Pose des Sich-Lustig-Machens nicht sein.

Heino greift eine Idee von Helene Fischer auf. Zusammen mit Florian Silbereisen hat sie den Schlager verpoppt und dadurch erneuert, zum Spektakel für die Generation unter 50 gemacht. Silbereisen springt auf Motorrädern über Rampen, Fischer sing Lady Gaga, und Heino gibt den Rocker. Es war eine notwendige Wiedergeburt für die deutscheste aller Musiken, um nicht im Schrank der Großeltern zu verstauben.

Heino ist der coole Mikro-am-Ständer-Festhalter, der mit seiner linken Hand die großen Gesten zeigt, wie ein Bischof im Dom, wie ein Jazz-Sänger, der sich nur dann und wann die Sonnenbrille zurecht rückt. Er ist der anmutige Fürst der Nacht geworden. Es ist nichts Peinliches zu finden. Die Figur Heino, die so oft parodiert wurde, die Albino-Witze, sie sind ein Relikt der Vergangenheit.

Selbst „Schwarzbraun ist die Haselnuß“ wird zur Big-Band-Version aufgejazzt. Heino ist im besten Sinne ein Volkssänger geworden, einer, der das Volk eint, vielleicht sogar der deutsche Sinatra unserer Zeit. Und wäre es nicht großartig, würde er mit Bushidos Clan in Limousinen durch die Republik reisen. Heino hat im Jahr 2013 die Poplandschaft verändert, Gräben eingerissen.

Dass sich etwas ändern sollte, war bereits im Februar 2012 zu erkennen. Der „B.Z.“ gab Heino das große „Sex-Interview vor dem Berghain“. Da diktierte der Schlagersänger der Reporterin Sätze über Drogen wie „Wäre ich heute 17, würde ich es auch ausprobieren.“ Und er gab zum besten, ginge es nach Hannelore, sie hätten sieben Mal die Woche Sex. Sicher ist auch, dass Heino nicht selbst Initiator dieses Wandels sein kann. Er muss einfach den findigsten Manager der Nation haben, der am Reißbrett den großen Business-Plan Rock’n’Roll erstellt hat. Aber was soll man Heinz Georg Kramm schon vorwerfen. Er hat eine der schönsten deutschen Gesangsstimme, ganz ehrlich. So ein erdig sanfter Bariton ist selten. Und warum soll es ihm verwehrt bleiben, mit 74 Jahren zum ersten Mal Platz 1 der deutschen Albumcharts zu sein.