Kunst

Spurensuche eines Außenseiters

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Jens Grandt

Die Galerie Nierendorf entdeckt den Berliner Maler Bernhard Klein wieder neu

Ein stiller Rastloser, ein Malerdichter, der mit seinen Bildern etwas erzählen wollte und darüber fast vergessen wurde. Der 1888 in Hamburg geborene, 1979 in Berlin verstorbene Bernhard Klein blieb allerdings immer etwas außenseiterisch.

Er war Gründungsmitglied der Berliner Novembergruppe, gar deren Schriftführer; er setzte sich für die Befreiung der Kunst von jeglichem akademischen oder staatlichen Anspruch ein. Die Selbstbehauptung strafte das NS-Regime mit Berufsverbot. 1944 wurde Bernhard Klein von der Gestapo interniert und zu Zwangsarbeit in einem Lager der Organisation Todt verurteilt.

„Aber sein Werk lebt“, sagt Florian Karsch, der Seniorchef der Galerie Nierendorf in der Hardenbergstraße. Was dem Künstler zu Lebzeiten nicht vergönnt war, dass seine Gemälde, Aquarelle, Federzeichnungen kontinuierlich ausgestellt werden, ist dieser traditionsreichen Galerie zu danken.

Dabei sah es anfangs gar nicht rosig aus. Die Galerie ist auf Kunst der 1920er bis 30er Jahre spezialisiert. Doch Klein hatte aus diesem Zeitraum nur wenige Werke vorzuweisen, als er – ein treuer Besucher der damals noch in Tempelhof untergebrachten Kunsthandlung – um eine Ausstellung warb. Das meiste stammte aus den Fünfzigerjahren, und Karsch meinte: „Das geht nicht.“

Da Bernhard Klein keine leiblichen Erben hatte, vermachte er kurz vor seinem Tod das Gesamtwerk der Nierendorf-Sammlung. Die umfangreiche Ausstellung zu seinem 80. Geburtstag hat er nicht mehr erlebt. In Provision für die Witwe Sylvia Klein wurde damals viel verkauft. Und seitdem hat die Galerie den eigenwilligen Künstler immer wieder präsentiert. Die aktuelle Ausstellung gibt einen guten Überblick über die verschiedenen Stilrichtungen, in denen sich Bernhard Klein erprobt hat. Die frühen Werke sind der Neuen Sachlichkeit zuzurechnen. Aber es ist eine verträumte Sachlichkeit. Klein hat sich zu „einer dichterisch gesehenen Welt reizvoller Naivität“, die „menschliche Wärme“ einbezieht, bekannt. Atmosphärische Hafen- und Schiffsbilder dominieren in diesen Jahren, und noch im Alter kommt er nicht los von der Elbe bei Blankenese.

Eine Szene von mythischer Wucht: „Kalter Morgen am Hafen“. Hinter einem Wald mächtiger Festmacherpfähle verschwinden fast die Dampfer. Die dunkle Farbigkeit hebt das Werk aus anderen Gemälden heraus. Die Nacht liegt noch in den Booten, umhüllt noch den Seemann, der seinem Tagwerk entgegengeht. Und über der Kimmlinie in diffusem und doch gleißendem Weiß die aufgehende Sonne.

In der dreißiger Jahren sucht Bernhard Klein nach neuen Möglichkeiten. Ein Aufenthalt in Venedig hellt die Farbpalette auf, verständlich bei dieser sonnigen Kulisse. Das reizvolle Genrebild „Fondamenta Nuove“ zeigt in weiter Flucht die Uferpromenade mit schlicht stilisierten Häusern und Personen. Ein lyrisches Intermezzo. An den später entstandenen Gebäudefronten ist der Einfluss des Kubismus unverkennbar. Geometrische Verschachtelungen von überwältigender Farbigkeit. Die Welt als Bühne. Hier findet der Maler einen sehr eigenen Stil.

Von den Berlin-Motiven hat Ergün Özdemir-Karsch, seit 2011 Leiter der Galerie, einige kleine Formate in Aquarell und Pastell aufgenommen, zumeist witzige Innenraumszenen. Die gespenstischen Impressionen vom Fliegerangriff auf Berlin fehlen bedauerlicherweise. In „Straße mit Lastträger“ und „Kleiner Platz mit Laterne“, auch „Heimkehr“ genannt, beide 1953 entstanden, findet er noch einmal zum Einzelnen in der Stadt zurück, die ihm stets auch Landschaft ist. Bernhard Klein verabscheute in seiner Malerei jeden marktschreierischen Effekt, ja, er warnte vor der Herrschaft des Marktes, dessen „Modernität“ sich in puren Moden erschöpft. Unmissverständliche Klarheit und Einfachheit war sein Ideal, wie er einmal in einer „Aspekte“-Fernsehsendung zu verstehen gab. „Ich möchte lieber zeitlos sein als modern.“ So ist es dann auch gekommen.

Galerie Nierendorf, Hardenbergstr. 19. Dienstag bis Freitag 11 bis 18 Uhr. Bis 13. September