Auszeichnung

Preisgekrönte Geschichten

Theodor-Wolff-Preis für „Hamburger Abendblatt“ und „Welt am Sonntag“

Es beginnt mit einem Hinweis aus dem Bekanntenkreis. Ein ehemaliger Kollege macht Jan Haarmeyer, Reporter des „Hamburger Abendblattes“, auf ein Paar aufmerksam, das mit den Behörden im Clinch lag, die ihm – verkürzt gesagt – das Pflegekind wegnehmen wollen. Das war im Januar 2012. Im April, als Haarmeyer so gut wie fertig ist, muss er die Recherchen kurz unterbrechen. Peter und Anna Schneider, so nennt er das Paar, dessen richtigen Namen er zum Schutz von dessen Privatsphäre geheim hält, hatten dem Druck nicht mehr stand gehalten und den sechsjährigen Dennis in ein Heim gegeben.

Als am 8. Juni 2012 auf einer Doppelseite Haarmeyers Geschichte „Im Namen des Volkes, auf Kosten des Kindes“ erscheint, beginnt sie mit dem ursprünglich geplanten szenischen Einstieg: Die Schneiders sitzen in ihrem Wohnzimmer, während Dennis im Kinderzimmer schläft. Doch dann folgen die Sätze: „So sollte diese Geschichte eigentlich beginnen. Anna und Peter Schneider haben es nicht geschafft. Dennis schläft nicht mehr in seinem Kinderzimmer.“

Das ist ein starker Einstieg, und vielleicht hat auch er die Jury des Theodor-Wolff-Preises bewogen, Haarmeyer für diesen Text die renommierteste Auszeichnung für deutsche Zeitungsjournalisten in der Kategorie Lokales zuzuerkennen. Am Dienstag wurde ihm der Preis verliehen. Die mit je 6000 Euro dotierte Auszeichnung in der Sparte „Lokaljournalismus“ ging auch an Kai Müller für seinen Beitrag „Es war ein schöner Tag“ („Tagesspiegel“), in dem der Autor schildert, wie eine Messerstecherei aus dem Nichts entsteht und in der Rückschau keiner der Beteiligten wirklich erklären kann, warum ein Jugendlicher tot am Boden liegt.

Jochen Arntz und Andrea Jeska bekamen den ebenfalls mit 6000 Euro dotierten Journalistenpreis in der Kategorie „Reportage/Essay/Analyse“. Jochen Arntz („Süddeutsche Zeitung“) porträtiert in seinem Artikel die Ehefrau von Altkanzler Helmut Kohl, Maike Kohl-Richter. Andrea Jeska erzählt in ihrem Beitrag „Der Mann, der die Wüste aufhielt“ („Die Zeit“) von einem Bauern in der Sahel-Zone, der über Jahrzehnte durch das Pflanzen von Bäumen ausgedörrtes Land wieder fruchtbar machte. Ausgezeichnet und mit 6000 honoriert wurde in dieser Kategorie auch der Essay „Auf den Herd gekommen“ von Robin Alexander („Welt am Sonntag“). Der Autor geht darin analytisch der Frage nach, wie der Begriff der „Herdprämie“ entstand, wie er politisch aufgeladen und polemisch eingesetzt wurde.

Der Preis für das Lebenswerk ging an Alfred Grosser. Jury und Kuratorium würdigten ihn als großen Europäer, der sich als Publizist und Wissenschaftler besonders um die deutsch-französische Partnerschaft verdient gemacht habe. Die Laudatio auf Grosser hielt der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor. Der Theodor-Wolff-Preis, an dem sich diesmal 396 Journalisten beteiligt hatten, erinnert an den langjährigen Chefredakteur des legendären „Berliner Tageblatts“, Theodor Wolff (1868–1943). Wolff musste 1933 vor den Nazis ins französische Exil fliehen, wurde dort verhaftet, an die Gestapo ausgeliefert und starb 1943 im Jüdischen Krankenhaus in Berlin.