Theater-Kritik

Deutsches Theater zeigt Despoten im Maßanzug

„Die Tage der Barmherzigkeit liegen weit hinter uns“. Hieron spricht diesen Satz, der Tyrann eines fiktiven Staates irgendwann in der Zukunft. Ein Staat, in dem das Diktat der Arbeit gilt, in dem Menschen nur an Weihnachten einen Tag frei haben, in dem Berührungen verboten sind. Wann mögen sie gewesen sein, diese Tage der Barmherzigkeit? In unserer Zeit, der Gegenwart? Unwahrscheinlich angesichts der aktuellen Lage. Man könnte mal bei Schiller nachschauen. Doch auch sein Demetrius, der sich als Sohn von Iwan dem Schrecklichen ausgibt und den Zarenthron beansprucht, sagt Sätze wie: „Macht braucht kein Herz.“ Wenn das also schon immer so war bei den Despoten, dann ließe sich über diesen Zeitstrahl vom 17. Jahrhundert bis in die Zukunft aber immerhin aufdecken, wie die Flieh- und Ziehkräfte der Macht so funktionieren und worauf ein Machtanspruch überhaupt gründet.

Womöglich hatte Regisseur Stephan Kimmig derartiges im Sinn, als er sich entschied, für den Spielzeitauftakt am Deutschen Theater (Motto: Demokratie und Krieg) Schillers „Demetrius“ mit Mario Salazars Tyrannen-Science-Fiction „Hieron. Vollkommene Welt“ zu kombinieren. Doch über die Beweggründe des Regisseurs lässt sich nur mutmaßen, das Publikum jedenfalls ließ er darüber um Unklaren. Es ging gründlich schief, dieses Doppelinszenierungs-Projekt mit den vielen losen Enden.

Kimmig startet den Abend in der Zukunft. Felix Goeser ist in der Rolle des Hieron kaum wieder zu erkennen: Grau, dick, krumm schiebt er sich an zwei Stahlstützen durch den von Katja Haß mit ein paar Wandfragmenten unspektakulär bestückten Raum. Goeser ist ein Lichtblick, ein toller Tränensack-Tyrann, ein despotischer Grantler, müde, gelangweilt und egozentrisch. Ein einsamer Mann, dem nur bei den Hinrichtungen der Arbeitslosen das Herz aufgeht. Der Rest dieses ersten Teils ist kaum der Rede wert. Es gibt ein paar bildintensive Momente mit Großprojektionen und futuristischem Geflimmer, entmenschlichte Menschen feiern Weihnachten, das Menü ist eingewickelt in Zellophan. Alles sehr kühl, sehr plakativ in Mario Salazars, artifiziellem, leicht manieriertem Sprachduktus vorgetragen.

Bleibt zu hoffen, dass es durch Schillers „Demetrius“ noch gelingt, die großen Fragen der Gegenwart gerade aus der historisch-futuristischen Doppelperspektive heraus irgendwie zu umklammern. Doch es wird nicht besser und schon gar nicht dadurch, dass Goeser, von Wanst und Tränensäcken befreit, jetzt den heißblütigen Springinsfeld Demetrius spielt. In Jeans und mit nacktem Oberkörper. Dessen Machtanspruch gründet sich allein auf vermutete Verwandtschaftsverhältnisse. Ein betrogener Betrüger, der, als das feststellt, vom Idealisten zum Krieger im Maßanzug mutiert. Ole Lagerpusch als überzeugender Demetrius-Widersacher Sapieha bringt immerhin noch ein paar der Schillerschen, inzwischen geschichtspessimistischen, Gedankenblitze unters Volk, ansonsten aber präsentiert sich die zweite Hälfte des Abends unstrukturiert und ziellos.

Kurz: Es ist ein Jammer, wie hier eine kühne Idee absäuft in öder Belanglosigkeit, wie gerne hätte man in dieser Doppelkonstruktion den Mechanismen der Macht nachgespürt, doch wo einer keine Fährten legt, lässt sich nun mal nichts finden.

Deutsches Theater, Schumannstr. 13a, Mitte. Tel. 28441225 Termine: 2.9. um 20 Uhr, 13.9. um 19,30 Uhr