Interview

Er lehrt US-Präsidenten das Fürchten

Roland Emmerich über seinen neuen Katastrophenfilm, in dem wieder das Weiße Haus zerstört wird. Der Film hat morgen in Berlin Premiere

Der Mann, den sie einst den „Spielbergle aus Stuttgart-Sindelfingen“ nannten, sitzt lässig auf dem Stuhl in Hemd, Jeans und Turnschuhen. Während er spricht, blickt er oft aus dem Zimmer seiner Hotelsuite auf das Brandenburger Tor. Sein neuer Film „White House Down“ hat am Montag Premiere in Berlin und kommt am 5. September in die deutschen Kinos. Darin spielt Jamie Foxx einen US-Präsidenten, der sich im Weißen Haus gegen eine paramilitärische Gruppe zur Wehr setzen muss. Die Einspielergebnisse in den USA waren nicht überragend, aber das scheint Emmerich nicht besonders zu kümmern. Er arbeitet schon an einer Fortsetzung zu seinem bisher größten Erfolg, „Independence Day“. Martin Scholz sprach mit dem Filmemacher.

Berliner Morgenpost:

Herr Emmerich, Sie leben und arbeiten als deutscher Erfolgsregisseur seit mehr als zwanzig Jahren in den USA. Wir würden gern mit einem Assoziationsspiel ergründen, welchem Land Sie sich näher fühlen.

Roland Emmerich:

Da bin ich jetzt aber gespannt.

Was bedeutet Ihnen persönlich meh: „Raumschiff Enterprise“ oder „Raumschiff Orion“?

„Raumschiff Orion“. Ganz klar. Das war meine Jugend. Ich weiß noch, wie mein Bruder sonntags oft mit seinem Modellflugzeug auf die Schwäbische Alb ging und mich mitnahm. Aber ab 17 Uhr fing ich immer an zu nörgeln und wurde unruhig. Ich hatte Angst, dass ich es nicht mehr rechtzeitig nach Hause schaffen würde, um „Raumschiff Orion“ zu sehen.

Ernest Hemingway oder Günter Grass?

Hemingway.

Hamburger oder Schupfnudeln?

Hamburger, es gibt in den USA jetzt ja diese Designer-Hamburger. Das sind richtig aufwendig gemachte Dinger mit Biozutaten. Sie sind dafür aber auch sehr viel teurer als die üblichen Fastfood-Hamburger.

Bon Jovi oder die Toten Hosen?

Bon Jovi, weil die melodischer sind.

J. J. Abrams oder Tom Tykwer?

Tom Tykwer. Da bin ich Patriot. Tom Tykwer ist ein sehr guter Regisseur, eben weil er auch mal was wagt. Sein letzter Film „Wolkenatlas“ hat vielleicht nicht so gut an den Kinokassen funktioniert. Aber allein schon, dass er den Versuch unternahm, einen so komplizierten Roman zu verfilmen – das ist eine Eigenschaft, die heute in Hollywood fehlt.

Das Weiße Haus oder der Reichstag?

Das Weiße Haus. Ich habe einfach einen stärkeren Bezug zum Weißen Haus als zum Reichstag. Ich weiß noch, wie ich als Teenager, da muss ich 13 gewesen sein, vor dem Weißen Haus stand. Ich konnte nicht wirklich begreifen, dass ich jetzt an diesem Ort war, den ich so oft schon im Fernsehen gesehen hatte. Viel später, als wir am Drehbuch von „Independence Day“ schrieben, gab es Diskussionen, welches Gebäude in den USA beim Angriff der Aliens als Erstes explodieren sollte. Ich habe mich schnell dafür starkgemacht, das Weiße Haus in die Luft zu sprengen.

Warum?

Weil es für Amerikaner sehr provokativ ist, wenn man im Film das Weiße Haus in die Luft jagt.

Das kann man aber doch verstehen?

Sicher. Was ich meine, ist: Die Amerikaner haben einen sehr emotionalen Bezug zum Weißen Haus. Es wäre beispielsweise weit weniger dramatisch gewesen, wenn wir das Kapitol in Schutt und Asche gelegt hätten. Und dann hatte ich später ja das Vergnügen, „Independence Day“ im Weißen Haus selbst für Präsident Clinton vorzuführen. Das war wohl der surrealste Moment meines Lebens. Clinton hatte mich eingeladen, er wollte den Film unbedingt sehen.

Wie fand er es, dass Sie seinen Amtssitz zerstörten?

Er liebte es. Er hat den Film sehr gemocht. Ich erinnere mich noch gut an einen Kommentar von Hillary Clinton. „Roland“, sagte sie, „jetzt wird mein Mann wohl Flugstunden nehmen müssen, das macht sich in Ihrem Film ja sehr gut.“

In Ihrem Film war der amerikanische Präsident ein ehemaliger Air-Force-Pilot, der dann wild entschlossen in einen Kampfjet steigt und die Außerirdischen attackiert.

Diese Szene hat später offenbar noch einen anderen Präsidenten beeinflusst. Als ich George W. Bush im Fernsehen sah, wie er im Pilotenanzug auf einem Flugzeugträger stand und das Ende des Irakkriegs verkündete, war ich entsetzt. Ich dachte nur: Mein Gott, wie peinlich wird es noch werden? Der kann ja noch nicht mal fliegen! Bush hatte sich offenbar an „Independence Day“ oder „Top Gun“ erinnert und sich in den Helden-Posen dieser Filme inszeniert. Das war so platt.

In Ihrem neuen Film „White House Down“ lassen Sie den Amtssitz des Präsidenten jetzt abermals in Flammen aufgehen. Gab es von der Obama-Administration auch eine Einladung zur Privatvorführung?

Nein. Das Filmstudio hatte zwar dem Weißen Haus eine DVD zukommen lassen. Ich weiß aber nicht, ob Obama den Film gesehen hat. Es hat mich im Grunde nicht überrascht, dass diesmal keine Einladung kam. Bei „Independence Day“ war die Sache einfacher, weil die Angreifer Aliens waren. Das war politisch unverfänglich.

In Ihrem neuen Film kommen die Feinde weder aus dem All, noch wird das Weiße Haus von nordkoreanischen Terroristen angegriffen wie in einem anderen aktuellen Thriller. Bei Ihnen kommt das Böse von innen: eine paramilitärische Gruppe aus ehemaligen Elitesoldaten soll im Auftrag dubioser Rüstungslobbyisten den Präsidenten in ihre Gewalt bringen. Unter ihnen ist auch ein ehemaliger NSA-Mann – ein Detail, das nach dem Eklat um die Spähprogramme Brisanz bekommt.

Wir haben über die Handlung endlos lange diskutiert. Die Amerikaner haben es natürlich am liebsten, wenn die Gefahr von außen kommt. Die populärsten Feinde sind dann Aliens, Nordkoreaner oder Araber. Wenn man solche Schurken in einem Thriller inszeniert, schreien alle hurra. Das wollte ich nicht.

Die amerikanischen Kritiken waren sehr durchwachsen. Wir haben mal die positiven herausgenommen. Die „New York Times“ schrieb, der Film sei „weniger idiotisch, als zu befürchten war“, CNN sprach von einem „zufriedenstellenden dummen Vergnügen“. Lesen Sie das?

Wenn ich so was lese, ärgere ich mich nur. Haben die den gleichen Film gesehen, den ich gemacht habe? Wenn ich Kritiken ernst nähme, würde ich diese Unschuld verlieren, die ich brauche, um meine Filme so zu machen. Ich würde dann ständig darüber nachdenken: Kann ich das wirklich so machen? Aber ich gestehe: Ich habe eine Zeit lang schon Kritiken gelesen, und das hat mich total aus dem Konzept gebracht. Wobei das Gros des Publikums ja oft gar nicht so denkt.

Es ist interessant, dass die politische Symbolik Ihres Films in den meisten Kritiken nicht erwähnt wurde. Stattdessen wurde darüber geurteilt, was er als Sommerblockbuster tauge.

Da sind wir dann wieder beim „stupid popcorn movie“, ich weiß. Bei „White House Down“ sorgten die Hauptmeinungsmacher von der republikanischen Seite für Gegenwind, indem sie den Amerikanern zu sagen versuchten: Schaut euch den Film nicht an, er ist „stupid“. Aber mein Film ist nicht dumm. Ich prangere etwas an, das einen wahren Kern hat. Wenn ich Unterhaltung mache, will ich nicht einfach nur irgendetwas Nichtssagendes beschreiben. Davon mal abgesehen, finde ich, dass ein Film nicht dumm sein darf. Er kann überzogen, kann extrem sein, er kann Spaßelemente haben. Aber er darf niemals „stupid“ sein. Dann würden ihn die Leute nicht mögen.

Sie haben die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen, um Obama wählen zu können. Sie haben Fundraising für die Demokraten gemacht. Wie sehen Sie Obama heute?

Ich bin enttäuscht von ihm. Enttäuscht, weil er etwa im NSA-Skandal zeitweise nicht den Mut hatte zu sagen: Wir müssen diese Daten sammeln, das ist wie Security in einem Flughafen. Er hat es die ganze Zeit gewusst, und er hätte es öffentlich machen und sagen müssen, nach welchen Regeln diese Daten gesammelt werden. Aber ich kann sein Dilemma auch verstehen. Er muss den Menschen etwas erklären, was sein Vorgänger eingeführt hat – und das ist immer schwierig. Zum einen geht es der NSA um die Sicherheit und den Schutz vor Terror. Nur haben die Amerikaner irgendwann das Gespür dafür verloren, was man im Dienste der Sicherheit machen sollte und darf und was nicht.

Was bekommen Sie in Los Angeles mit vom Wahlkampf in Deutschland?

Wenig. Ich versuche einigermaßen auf dem Laufenden zu bleiben. Die Bundestagswahl ist mir sehr wichtig. In Hollywood sitzen wir oft in einer Gruppe von Deutschen zusammen, da sprechen wir über die Wahl, die politischen Entwicklungen in Deutschland.

Die meisten Ihrer Filme spielen in den USA. Würde es Sie nicht mal reizen, einen Film in Deutschland spielen zu lassen?

Ich habe einen Traum, ein Projekt, das ich sehr gern irgendwann machen würde. Ich möchte die Lebensgeschichte von Erwin Rommel erzählen.

Die ist ja bereits mehrfach verfilmt worden, zuletzt in einem eher kontrovers diskutierten TV-Film mit Ulrich Tukur in der Hauptrolle.

Ich weiß, ich habe davon gelesen, den Film aber noch nicht gesehen. Was mich an Rommel interessiert, ist, dass er glühender Hitler-Verehrer war und sich am Ende seines Lebens gegen ihn wandte. Ich habe ein ganz eigenes Bild vor Augen. Aber mehr will ich nicht verraten.