Klassik-Kritik

Iván Fischer lässt es bei Bruckners Neunter erbarmungslos krachen

Zwei hochbedeutsame Fragmente hat Iván Fischer aufs Programm des Konzerthausorchesters gesetzt: Schuberts zweisätzige „Unvollendete“ und Bruckners einstündige, dreisätzige Neunte.

Der Bruckner erklingt unter Fischers herausfordernden Händen, als solle das 19. Jahrhundert von der Konzerthausdecke herunterschlagen und selbst die gutwilligsten Hörer daran erinnern, wie selbstbewusst das große Gestern klang, in das sich das Orchester ebenso bewunderungswürdig wie erbarmungslos hochschraubte.

Eine derartige Intensität ließ die wundervolle h-Moll-Sinfonie Schuberts an diesem Abend leider vermissen. Es schien, als sei aller Ausdruckswille auf Bruckner gelegt. Schubert erschien beiseite geschoben, ein Eindringling in die Großmacht des Bruckner-Programms. Dabei bleibt es auch weiterhin ein Rätsel, warum Schubert wie Bruckner ihre Sinfonien nicht bis ans herkömmlich viersätzige Ende geschrieben haben. Beide gehen auch annähernd mit dem Kopf gegen die Wand. Sie scheinen weitergehen zu wollen, als sie können. Man lernt mit einigem Schrecken, selbst bei Großmeistern trifft der Kuss der Muse nicht fortgesetzt auf den Mund. Was, außerdem, hätte nach dem Adagio Bruckners noch kommen können, nach dieser unendlichen musikalischen Verinnerlichung? Selbst an Goethe-Gedichte hängt man schließlich keine weiteren Strophen an.