Fernsehen

Liebe unter Schattenjägern

Die neue Fantasy-Filmreihe „Chroniken der Unterwelt“ soll „Harry Potter“ und „Twilight“ ablösen

Clary ist eigentlich ein ganz normales Mädchen. Ein bisschen verhuscht vielleicht, ein bisschen Mauerblümchen. Ihre Mutter ist auch etwas merkwürdig überprotektiv, und Clary merkt nicht, dass ihr bester Freund heimlich in sie verliebt ist. Aber auch das ist eigentlich nur ganz normal für einen Teenager. Bis Clary plötzlich überall Zeichen sieht. Sie auch selbst, offensichtlich im Schlaf, überall hinkritzelt. Und dann geht sie eines Abends auf eine wilde Gothic-Party. Und sieht, wie dort ein junger Mann ganz offensichtlich umgebracht wird. Fast genau so sehr wie sie erschrickt aber auch der ebenfalls junge Mörder. Weil Menschen ihn eigentlich nicht sehen können.

Leben in einer Parallelwelt

„Chroniken der Unterwelt“ handelt von einer Parallelwelt. Da gibt es Hexen, Vampire, Werwölfe, Bestien. Spezies, die sonst jede für sich einen ganzen Film füllen. Hier aber alle über die Welt herfallen. Und es gibt ein paar engelhafte Wesen, die gegen dieses Böse kämpfen. Clary hat einen von ihnen dabei gesehen. Sie muss also auch irgendwie mit diesen Schattenjägern, wie die Halbengel heißen, zu tun haben. Ihre Mutter kann sie allerdings nicht mehr fragen: Als sie nach Hause kommt, ist die Wohnung verwüstet. Und die Mutter verschleppt. Und da wird allmählich klar: Auch die Mutti gehört zu diesen Wesen. Und auch in dem Teenager gärt das Gut-Blut.

„Twilight“ war gestern, „Harry Potter“ sogar schon vorgestern. Der Zauberlehrling hat uns vor zwei Jahren verlassen, die Vampir-Saga ging vergangenen November zu Ende. Aber die Filmindustrie lechzt weiter nach Fantasy-Frischfleisch. Zu gut haben sich diese Titel in Serie verkauft, mit allem, was an Merchandising dazugehört. Und die Studios suchen weiter nach Marken, mit denen man die Zuschauer gleich mehrfach ins Kino locken kann. Noch zu „Harry“-Zeiten nahm man sich der siebenteiligen „Chroniken von Narnia“ von C.S. Lewis an, von 2005 bis 2010 wurden drei Teile verfilmt, die in der Beliebtheitsskala allerdings weit hinter Harry und Hermine zurückblieben. 2008 folgte „Tintenherz“ nach Cornelia Funkes „Tintenwelt“-Reihe. Der Hollywoodfilm lief trotz Stars wie Helen Mirren und Brendan Fraser aber schlecht, dass die weiteren Teile gar nicht erst in Angriff genommen wurden.

Letztes Jahr gingen dann „Die Tribute von Panem“ ins Rennen, nach der Romantrilogie von Suzanne Collins- Der zweite Teil, „Catching Fire“, ist für diesen November angesagt und wird als Kinotrailer schon seit Monaten beworben. Während dies alles amerikanische Produktionen waren, hat man es im inzwischen auch mit einer reinen Fantasy-Reihe versucht: den „Liebe geht durch alle Zeiten“-Dreier von Kerstin Gier. Der erste Teil, „Rubinrot“, im März gestartet, blieb allerdings weit hinter den Erwartungen zurück. Ob die anderen beiden Folgen, „Saphirblau“ und „Smaragdgrün“, überhaupt verfilmt werden, bleibt fraglich. So groß die Gier nach dem nächsten großen Fantasy-Hit, so schnell gibt man auch wieder auf, wenn der nicht alle Rekorde bricht.

Nun also die „Chroniken der Unterwelt“, die zumindest im deutschen Titel die Nähe zu „Narnia“ gar nicht erst verleugnen, ja geradezu betonen wollen. Hier muss man nicht am Bahnhof ein geheimes Gleis betreten (wie Harry Potter) und auch nicht durch einen Kleiderschrank klettern (wie die „Narnia“-Kinder), um in so viel größere, fantastischere Parallelwelt zu gelangen. Die Unterwelt-Chroniken sind etwas realistischer angesetzt und mitten in New York verortet. Auch hier freilich gibt es eine vermeintliche Ruine, hinter der sich die Akademie der Schattenjäger verbirgt. Und die Grundkonstellation ist so schlicht, wie man das aus den „Tributen“, aus „Twilight“, aber auch aus fast jedem Teamworx-Historien-Zweiteiler kennt: Ein Mädchen steht zwischen zwei Verehrern.

In diesem Fall ist es der etwas trottelige Mitschüler Simon, der seine große Liebe zu Clary hinter einer großen Brille versteckt, und da ist der blondgelockte, tätowierte Jüngling Jace, der ihr das Kämpfen beibringt und so zwangsweise körperlich schon sehr viel näher kommen muss. Das Menschlein hat gegen den Halbengel somit ziemlich schlechte Karten. Und es ist kein Zufall, dass Jace mit Jamie Campbell Bower besetzt wurde, der schon kleinere Auftritte sowohl bei „Harry Potter“ als auch bei „Twilight“ hatte und so fest in der Fantasy verortet ist. Die Hauptattraktion aber ist Clary-Darstellerin Lily Collins, die als Schneewittchen in „Spieglein Spieglein“ schon Julia Roberts an die Wand gespielt hat und bald wohl nicht mehr nur auf ihren berühmten Vater Phil angesprochen werden wird.

Schlachten und Liebesszenen

Klar, dass Collins & Campbell Bower schon als das neue Liebestraumpaar beschworen werden, als legitime Nachfolger von Kristen Stewart und Robert Pattinson. „City of Bones“, der erste Teil dieser Chroniken, wechselt ständig zwischen düsteren Schlachten und elegischen Liebesszenen. Auch dem begeistertsten Fantasy-Fan kann allerdings irgendwann nicht entgehen, dass hier alle Ingredienzien des Genres ausgeplündert werden, ohne dass die Macher wirklich wüssten, was sie mit ihnen anstellen sollten. Und bei jeder Einstellung beschleicht einen das Gefühl, hier haben ganz viele Marketing-Abteilungen drei Mal drüber gesehen, bevor sie freigegeben wurde. Daraus wurde der garantiert gelackteste und überraschungsfreieste Film des Jahres. Die wahren Schatten dieser Welt sind die kühlen Kalkulierer, die solche Kinokost kreieren. Es wird Zeit, Fantasy wieder mit Fantasie zu bestücken.