Interview

„Ich spürte eine Not bei ihr“

Carla Juri stammt aus dem Tessin und spielt in „Feuchtgebiete“ ihre erste Rolle in einem deutschen Kinofilm

Am Donnerstag startete die Verfilmung von Charlotte Roches Skandalroman „Feuchtgebiete“, deren Hauptdarstellerin Regisseur David Wnendt („Kriegerin“) erst nach langer Suche schließlich in der Schweiz fand. Carla Juri stammt aus dem Tessin und spielt nun ihre erste Rolle in einem deutschen Kinofilm. Im Gespräch mag man kaum glauben, dass die junge Frau am Tisch jene Schauspielerin ist, die als Helen Memel so ungeniert und hemmungslos auf der Leinwand über Sex und Körperflüssigkeiten redet. Zurückhaltend und fast schüchtern, scheint der 27-jährigen das Interesse an der eigenen Person unangenehm. Sie lässt sich Zeit für eine Antwort, wählt jeden Satz mit Bedacht. Thomas Abeltshauser hat mit ihr gesprochen.

Berliner Morgenpost:

Sie wirken sehr viel verschlossener als diese extrovertierte Helen im Film. Hatten Sie selbst Zweifel, sich diese Rolle zuzutrauen?

Carla Juri:

Nein. (lacht) Ich musste nur den Zugang zu dieser Figur finden, das hat nichts mit dem zu tun, wie ich privat bin. Es ist ja mein Beruf, wandelbar zu sein, sich in ganz unterschiedliche Menschen hineinfühlen und sie zum Leben zu erwecken.

Wie sah das bei Helen konkret aus?

Ich habe vor allem ihre existenziellen Probleme gesehen. Mir war wichtig, sie und die Gründe für ihr Verhalten zu verstehen. Und dazu muss man sich ihre Geschichte anschauen.

Warum also tut sie das?

Ich spürte eine Not bei ihr, die aus Einsamkeit, Schmerz und Angst entsteht. Als die Mutter einen Selbstmordversuch unternimmt, fragt sich Helen, warum ihre Mutter ihr das antut. Es ist eine Urangst des Menschen, alleine zurückgelassen zu werden. Und ich glaube, dass sie sich von dieser Angst abzulenken versucht, auch durch die Hobbys die sie hat, wie die Avocadokernzucht.

Das ist noch das gewöhnlichste ihrer Hobbys. Die anderen haben sehr viel mit Körperflüssigkeiten und Schmutz zu tun...

Weil sie sich von der Familie verstoßen fühlt und sich selbst wie ein Bakterium vorkommt. Sie identifiziert sich mit dem Schmutz, den ihre Mutter mit ihrem Hygienefimmel eliminieren will. Und sie konfrontiert ihr Umfeld mit den krassesten Mutproben, um herauszufinden, ob es jemand wirklich ernst mit ihr meint. Sie vertraut niemandem, weil sie es nie gelernt hat. Erst wenn man die Probe bestanden hat, lässt sie einen ein bisschen näher an sich heran.

Diese Verlustangst und das fehlende Vertrauen führen bei ihr aber nicht wie bei vielen Mädchen dazu, sich permanent selbst zu verletzen. Bei ihr ist es auch mit Lust verbunden.

Aber nicht immer. Wenn sie sich den Po aufreißt, damit ihre geschiedenen Eltern an ihrem Krankenbett wieder zusammenkommen, hat das nichts mit Lust zu tun. Sie nimmt einfach alles in Kauf, das muss man sich mal vorstellen! Und sie versucht mit dieser ungenierten, offensiven Art auch ihre Hilflosigkeit im Krankenhaus zu verbergen.

Was hat Sie beim Spielen am meisten Überwindung gekostet?

Das waren gar nicht so sehr körperliche Dinge. Ich musste Helens Schmerz für mich erst einmal verarbeiten, bevor ich ihn überspielen konnte. Denn das tut sie ja, den Schmerz überspielen, aber ohne jedes Selbstmitleid. Das macht sie für mich so stark.

Es mangelt ja nicht gerade an drastischen Szenen. Wie leicht ist es, vor der Kamera Oralverkehr oder Masturbation zu simulieren?

Aber Nacktheit hat immer eine emotionale Dimension, das ist auch der Zustand ihrer Seele. Wenn Sex keine Bedeutung hat, kann ich es nicht spielen. Das war da aber nicht der Fall.

Wirklich mit keiner Szene Schwierigkeiten gehabt?

Nein, weil es immer gerechtfertigt war, sie zeigt damit ihre Persönlichkeit und ihre Komplexität. Sonst wäre es voyeuristisch und dann hätte ich ein Problem damit.

In manchen Szenen haben Sie sich aber doubeln lassen.

Die Szenen habe ich schon selbst gespielt, aber für die Nahaufnahmen wollte ich ein Sicherheitsnetz haben, wenn ich es brauche. Beim Drehen muss es manchmal ganz schnell gehen und wenn ich mich dann nicht sicher fühlte oder mal einen schlechten Tag hatte, war da dieses Netz. Und das gab mir Vertrauen.

In welchen Momenten haben Sie darauf zurückgegriffen?

Zum Beispiel bei der Intimrasurszene... aber ich finde es gar nicht so wichtig, in welchen Szenen, denn das soll man ja auch gar nicht sehen.

Wo ist Ihre eigene Schamgrenze?

Natürlich ist im Film viel, was die Gesellschaft bäh findet, aber ich kann Helen in allem verstehen, ich hatte kein Problem damit und keine Schamgrenze.

Aber Sie selbst als Carla Juri?

Die Frage ist mir zu privat.

Warum?

Ich finde es einfach extrem langweilig, private Sachen über Künstler zu lesen. Ich bin so langweilig wie jeder andere auch. Man kann sich selbst auch zu wichtig nehmen.