Serie: Chöre in Berlin

Wenn Sänger den „hysterischen Tiger“ ausprobieren

Serie, Teil 6: Die Chorvereinigung Spandau hat eine lange Tradition. Ihren Chef haben sich die 100 Mitglieder von der Deutschen Oper geholt

Seltsame Geräusche dringen aus dem Klassenraum der 9c. Es kreischt, es faucht, es gurrt. Olga Orlowska ist in ihrem Element. Vor ihr drei rüstige Damen, mit denen sie gerade den „hysterischen Tiger“ und das „lustvolle Kauen“ trainiert. Voller Eifer schlagen die Frauen über die Stränge. Erkunden spielerisch ihre Stimme. Lernen sie auf höchst effektive Weise zu beherrschen. Denn: Orlowska ist Profi. Sie weiß genau, was sie tut. Sie hat als Opernsängerin und Gesangspädagogin jahrelange Erfahrung gesammelt. Seit Anfang 2013 ist sie Stimmbildnerin der Chorvereinigung Spandau e.V., eines Laienchors, der jeden Dienstagabend in den Räumen der Lily-Braun-Oberschule trainiert. Während der Hauptproben pickt sich Orlowska wechselnde Dreiergrüppchen aus dem Ensemble heraus. Arbeitet individuell mit den Sängern, sorgt nicht selten für Überraschungen. „Du bist ganz eindeutig Tenor“, eröffnet sie heute Abend einem sympathischen Herrn, der elf lange Chorjahre der festen Überzeugung war, Bass zu sein. Doch Orlowska hat Recht. Eben klang er sogar wie ein geborener Heldentenor.

Es tut sich was bei der Chorvereinigung Spandau, einem der ältesten Chöre Berlins überhaupt. 2009 feierte er sein 150jähriges Bestehen mit einem großen Festakt im Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Damals noch unter der Leitung des altehrwürdigen Erwin Gabrysch. Seit 2012 weht ein neuer Wind. Ulrich Paetzholdt hat den Chor übernommen. Der gebürtige Freiburger bringt neue Ideen ins Spiel. Es herrscht Aufbruchsstimmung.

„Uli ist dabei, uns umzukrempeln“, erzählt Wolfram Svoboda, Pressesprecher des Chores. In seinen Worten schwingt Stolz mit. Stolz darüber, dass es den Spandauern gelungen ist, Paetzholdt als Nachfolger von Gabrysch zu gewinnen. Denn noch vor ein paar Jahren spielte Paetzholdt in einer ganz anderen Liga. War unter Christian Thielemann Erster Chordirektor an der Deutschen Oper. Arbeitete an der Dresdner „Semperoper“ in gleicher Funktion mit Fabio Luisi zusammen. „Zuerst hatten wir Sorge, dass uns der Uli nicht lange erhalten bleiben würde“, erinnert sich Svoboda. „Aber dann hat er uns davon überzeugt, dass wir das Beste für ihn sind.“

Schon vor seiner Bewerbung in Spandau hatte Paetzholdt einen radikalen Strich gezogen. Oper wollte er nicht mehr. Es raubte ihm Kraft und Nerven. Die starren hierarchischen Strukturen an den Opernhäusern zermürbten ihn. Und: Er wollte mehr Zeit mit seiner Familie verbringen.

Also zog Paetzholdt die Bremse. Machte sich selbstständig. Unterrichtet nun als Quereinsteiger Schulklassen im Fach Musik, coacht klassische Musiker, arbeitet als freier Chorleiter. Dass er bei der Chorvereinigung Spandau gelandet ist, passt hervorragend. Denn der Chor singt schwerpunktmäßig Opernchöre. Paetzholdt liebt und lebt dieses Repertoire, kann es nun einstudieren, ohne in aufwändige, belastende Opernproduktionen eingebunden zu sein. Und die Chorvereinigung Spandau hat natürlich auch etwas davon – sie kommt in den Genuss von Paetzholdts reichem Erfahrungsschatz, seinem Insiderwissen, seinem intensiven, humorvollen Führungsstil. Auch wenn frühere Kollegen von der Oper darüber den Kopf schütteln, ihn sogar für verrückt erklären – Paetzholdt weiß, dass seine Entscheidung die richtige war. Die Spandauer lieben ihn dafür, liegen ihm regelrecht zu Füßen. Für den 1. September ist ein Konzert im Konzerthaus Berlin angesetzt. Dort wollen sie die ersten Früchte ihrer Zusammenarbeit mit Paetzholdt präsentieren. Ihre neu gewonnene Lust und Freude teilen. Und das auch mit überraschenden Repertoirefundstücken. Chorstücke aus Verdis „Luisa Miller“ zum Beispiel, Ausschnitte aus Bizets „Perlenfischer“.

Noch ist von dem großen Ereignis, das vor der Tür steht, nur am Rande zu spüren. Noch ist ja auch noch etwas Zeit bis zum 1. September. In den nächsten Tagen wird es einige Extraproben geben. Auch intensive Chorwochenenden waren eingeplant, um das Programm auf Vordermann zu bringen.

Paetzholdts Rezept, das so gut funktioniert: eine Mischung aus Lockerheit und Anspruch, aus Humor und Präzisionsarbeit. Er kennt tausend Geschichten und Anekdoten, schöpft aus einem breiten Erfahrungsschatz, reagiert blitzschnell auf seinen Chor, greift Stimmungen auf, schüttelt überraschende Bilder aus dem Ärmel, um seine Klangvorstellungen auf die Sänger zu übertragen. Schon nach wenigen Minuten Hauptprobe haucht er dem Chor der Landleute aus Smetanas „Verkaufter Braut“ beeindruckende Lebendigkeit ein, eine Frische und Freude, die ansteckt. Nur: Warum das alles gerade so mit den Spandauern funktioniert, weiß Paetzholdt allein. Aus Handwerk und Entertainment entsteht Magisches.

In der Pause ergreift Hans-Jürgen Sasse das Wort, langjähriger erster Vorsitzende des Chores. Es gilt, zwei Choristinnen zu feiern, die in den Sommerferien Geburtstag hatten. Er überreicht ihnen kleine Geschenke. Dann werden Urlaubskarten vorgelesen („Die Daggi grüßt uns ganz herzlich“). Neue Chormitglieder werden begrüßt. „Suchst Du reine Freude, such sie im Gesang“ schmettert die Gemeinschaft ihnen entgegen. Das ist der Wahlspruch der Spandauer, schon seit Jahrzehnten. Diesmal gibt es vier Neuzugänge. Darunter Michaela Weishaar, mit 20 Jahren das Chorküken, die Jüngste im Bunde. Mutter und Tante sind schon länger dabei. Vor kurzem hatte Michaela spontan an einer Chorfahrt der Spandauer teilgenommen. Danach stand ihr Entschluss fest. Entspannung und Spaß habe sie in der Chorvereinigung gefunden, „nach einem langen Ausbildungstag ist das der beste Ausgleich für mich.“

Über 100 Mitglieder zählen die Spandauer in ihren Reihen. Bei Auftritten stocken sie mit Gästen und Freunden auf 120 auf. Neue Mitglieder sind stets willkommen. Chorerfahrung, so Pressesprecher Svoboda, sei von Vorteil, aber nicht Bedingung. Auch Svoboda selbst singt nun endlich mit. Lange Zeit hatte er sich vornehm im Hintergrund gehalten, war im Förderkreis, hat organisatorische Aufgaben übernommen. Seine Frau Monika dagegen gehört mit 36 aktiven Chorjahren zum Urgestein des Vereins. „Irgendwann sind mir die Argumente ausgegangen, warum ich nicht auch mitsingen sollte“, grinst Svoboda.