Klassik-Kritik

Wenn sich Moses und Aaron ans Publikum wenden

Jüdische Kulturtage führen Oratorium in Synagoge auf

Adolph Bernhard Marx, 1866 in Berlin verstorben, war ein wichtiger Musiktheoretiker und vor allem ein Gründer. Er war an der Gründung des Berliner Tonkünstlervereins, des Stern’schen Konservatoriums und der „Berliner Allgemeinen Musikalischen Zeitung“ beteiligt. Er half Felix Mendelssohn Bartholdy bei der epochalen Aufführung der Matthäus-Passion mit der Sing-Akademie, die schließlich die Bach-Renaissance einleitete. Nur als Komponist blieb Marx auf der Strecke. Bei den Jüdischen Kulturtagen wurde jetzt in der Synagoge Rykestraße sein fast vergessenes Oratorium „Mose“ aufgeführt. Es ist ein Stück deutsch-jüdischer Musikgeschichte.

Das Konzert mit dem Staats- und Domchor, der Sing-Akademie zu Berlin und der Kammersymphonie Berlin unter der Gesamtleitung von Kai-Uwe Jirka offenbart imposante Chorstellen, exzellente Solisten und einen sehr engagierten Leiter. Der erste Teil des Oratoriums beginnt mit den Klagegesängen des Volkes Israel. Doch Aaron, gesungen von Ludwig Obst, versucht zu trösten. „Weinet nicht, stehet auf!“, singt der Bariton und wendet sich dabei mit offenem Blick an das Publikum, nimmt Kontakt auf, zieht den Hörer in seinen Bann. Gerade von dieser gestalterischen Nähe, der Zuwendung der Interpreten zum Publikum lebt diese Aufführung in der Synagoge.

Die Lichtstimmung ändert sich ins Blaue und verstärkt die aquamarine Bemalung der Synagogenwände. Johannes Weisser tritt auf. Sein Mose ist gefühlvoll interpretiert, passend zum Text „Ich bin verlassen, einsam – wie kann ich helfen?“ hebt Weisser fragend die Schultern, schaut ratlos ins Publikum. Der Chor, die Stimme Gottes, antwortet ihm. Kai-Uwe Jirkas Dirigierbewegungen werden an dieser Stelle besonders groß. Das ist auch nötig, er führt rund zweihundert Mitwirkende an.

Die Komposition von Adolph Bernhard Marx will nicht überraschen. Man hört, dass der Komponist zeitlebens mehr ein Musikwissenschaftler war. Doch die Interpretation an diesem Abend lässt einen emotionalen Gewinn aus der Musik ziehen, vor allem durch die Mischung von Kinder- und Erwachsenenstimmen sind die Chorpassagen besonders eindringlich. Das Publikum ist begeistert.