Sachbuch

Armut ist hungrig: Die Wahrheit über Hartz-IV-Familien

„Immer lande ich irgendwo dazwischen“, schreibt Undine Zimmer. Nirgendwo passe sie hin. „Nicht zu den Proleten, nicht zu den Versagern, nicht zu den Erfolgreichen.“ Sogar mit ihren Eltern gibt es keinen ganz Zusammenhalt.

„Meine ganze Familie ist eine Ansammlung von Fremden.“ Dieses Gefühl hat sich auf andere Bereiche des Lebens erweitert. Auf die Schule, das Studium, erste Versuche im Beruf. Undine Zimmer ist die Tochter von Langzeitsarbeitslosen. Von außen war sie das, was man heute als „Hartz-IV-Kind“ bezeichnen würde. Von innen aber sieht es anders aus. Wie, das hat Undine Zimmer jetzt in einem Buch festgehalten.

Flachbildschirmbesitzer, Sozialschmarotzer und Fertiggerichtkocher – so werden Hartz-IV-Empfänger gern dargestellt. Oder auch als tapfere Alleinerziehende, die in der Talkshow erzählen, wie sie sich durchschlagen. Das bringt Einschaltquote. Zimmer zeigt in ihrem Buch, dass es auch anders sein kann. Leise, zurückhaltend, ohne Anschuldigungen, aber auch ohne klare Antworten. Ihre Eltern sind keine Kämpfer, sie sind aber auch keine Alkoholiker. Das soll es geben. Auch bei Langzeitarbeitslosen.

Die Kindheit mit Transferleistungen ist geprägt von Mangel. Faschingsfeste werden wegen jämmerlicher Kostüme zum Trauma. Auch Freundschaften sind belastet durch Mitleid, das andere für das Sozialhilfekind empfinden. Am eindrücklichsten an Zimmers Schilderungen ist aber, welchen Stellenwert das Essen einnimmt. Es heißt, Hartz-IV-Empfänger ernährten sich von Fast Food. Doch dafür ist bei Zimmers gar kein Geld da. Stattdessen wird schrecklich viel Haferbrei gekocht. Erst isst das Kind, die Mutter nimmt die Reste.

„Nicht von schlechten Eltern“ ist aber auch eine Verteidigung der „Hartz-IV-Kindheit“. Zimmer wuchs mit Camus und Dostojewski auf. Ihre Mutter wollte ihr Abitur nachmachen, aber sie wurde erst schwanger, dann alleinerziehend, dann „Mehraufwandentschädigungskraft“. Sie machte Weiterbildungen, kümmerte sich um Senioren, bewarb sich um Jobs. Besonders schöne Absagen heftete sie in einem Ordner ab. Undine Zimmers Vater wurde „politischer Gefangener“ im DDR-Gefängnis, ohne je politisch gewesen zu sein. 1977 durfte er ausreisen. Nüchtern zählt Zimmer die Stationen seiner Karriere auf: „Eisenbahner, Monteur, Kurier, Bürohilfskraft, Zementhilfsarbeiter, Lagerarbeiter, Werbehilfskraft, Lagergruppenarbeiter.“ Am Ende bleibt er im Taxi hängen. Wir glauben gerne daran, dass in diesem Land jeder die gleichen Chancen hat. Undine Zimmer zeigt, dass das nicht stimmt. Die Familie bestimmt unser Schicksal. Im Glück wie im Unglück.

Undine Zimmer: Nicht von schlechten Eltern. Meine Hartz-IV-Familie. S. Fischer, 256 Seiten, 18,99 Euro.