Kinderbuch

Gegen diese Welt ist der Wald von Hänsel und Gretel gar nichts

„Es gibt einfach Situationen, in denen man einem Kind keinen anderen Rat geben kann, als möglichst schnell erwachsen zu werden“, hat Mirjam Pressler einmal gesagt, die als uneheliches Kind einer jüdischen Mutter mit elf Jahren in ein Kinderheim kam.

Als Erwachsene erst fing Pressler an zu schreiben, und gleich, ob ihre Geschichten zur Zeit des Nationalsozialismus spielen, wie „Ein Buch für Hanna“, oder in einer zeitgenössischen Reihenhaussiedlung wie „Wundertütentage“ – in gewisser Weise geht es in ihren Geschichten immer um ein Augen-auf-und-durch.

Nun gibt es eine literarische Gattung, in der Kinder fast immer die Erfahrung machen, den Erwachsenen eine Last zu sein: das Märchen. Vielleicht erinnert Mirjam Presslers neuer Roman deshalb genau daran. „Wer morgens lacht“ spielt zwar in der Gegenwart, aber der eigentliche Ort ist ein schwebender, sind die Erinnerungen der Icherzählerin Anne – die Kindheit als Ort der Düsternis. Und man muss schon sagen: Gegen diese Dunkelwelt ist jeder Hänsel-und-Gretel-Wald der reinste Abenteuerspielplatz.

Anne ist Biologiestudentin, Anfang 20 und lebt in einer Frankfurter WG. Aber vor allem ist sie die übrig gebliebene Hälfte eines Geschwisterpaares. Anne war 15, als die fast 18-jährige Marie anrief und mitteilte, sie hätte jetzt genug, sie käme nicht zurück. Seitdem ist Marie für Anne präsenter, als sie es je war – und dabei war mit der rebellischen Marie aufzuwachsen für Anne schon schlimm genug. Goldmarie nennt Anne die Schwester manchmal in der Erinnerung, obwohl sie selbst eigentlich die Brave, die Fleißige gewesen sei: „Aber es kam keine Frau Holle, die Gold auf mich herabregnen ließ“, sagt sie verbittert, „an mir klebte das Pech, an Marie das Gold.“ Anne will Marie endlich loswerden, deshalb beschließt sie, sich zu erinnern.

„Wer morgens lacht“ ist ein Buch, in dem Erinnerungen mit sorgfältig gespitztem Bleistift zu Papier gebracht wird. Umso störender sind die Versuche, das Geschehen im Jetzt zu verorten, wenn „Silbermond“ gehört oder eine „App“ verwendet wird. Anne liebt eine Großmutter, die aus ihrer Heimat vertrieben wurde und diese doch nie verlassen hat. Anne heißt Anne, weil in ihrer Familie die Mädchen nach den Großmüttern benannt werden, und ihre Oma hieß Annemarie – Anne und Marie. In „Wer morgens lacht“ steckt so viel Symbolik wie in Eugen Drewermanns Märcheninterpretationen. Dass der Roman davon nicht erdrückt wird, das liegt an Mirjam Presslers unverwechselbarem melancholischem Erzählton, der zum Schwingen bringt, was bleischwer auf der Seele liegt.

Mirjam Pressler: Wer morgens lacht. Beltz & Gelberg, 256 Seiten, 17,95 Euro. Ab 14 Jahren.