Provokant

Vom Scheitern einer verwöhnten Generation

Helene Hegemanns neuer Roman „Jage zwei Tiger“ beschwört die Liebe

Die ersten Seiten sind derart unerträglich, dass man am liebsten das ganze Buch an die Verlagsadresse in der Friedrichstraße zurückschicken möchte. Und mindestens einen Pferdekopf, so wie in „Der Pate“, will man gleich dazulegen. Helene Hegemann beginnt ihre Erzählung mit dem Satz „Ich jedenfalls sitze letzte Woche mit Maria beim Vietnamesen, und plötzlich kommt Binky Schweiger um die Ecke und quatscht uns an…“. Die Ich-Erzählerin stellt weiter fest, wie „megaupgeturnt“ sie sei. Das ist ein wahnsinnig bemühter Umgangsslang, einer, der von niemandem gesprochen wird, weder von Asozialen noch von den stillosen Emporkömmlings-Ladys, die Hegemann bei besagtem Asiaten zusammen kommen lässt. Der Leser muss an Christian Krachts Debütroman denken, an den ersten Satz von „Faserland“. „Also, es fängt damit an, daß ich bei Fisch-Gosch in List auf Sylt stehe und ein Jever aus der Flasche trinke.“ Angesichts dieser Nähe muss der Leser wohl auch an die alte Geschichte mit den Plagiaten denken: Hegemann übernahm ja großzügig Passagen aus einem Internet-Blog und stellte sie unkommentiert in ihr Debütroman „Axolotl Roadkill“. Das gab seinerzeit einen Aufschrei.

Jetzt wird über das Berliner Restaurant Borchardt als „vulgäres Bordell“, in dem sich die „Crème de la Crème der Scheiße“ trifft, geschrieben. Diese Boshaftigkeit mag manchem gefallen, aber dennoch ist dieser Sound des Ekels, der Ablehnung kein neuer. Später kommen nackte Rentner und auch Nazis in der Geschichte vor. Aber dann versteht man „Jage zwei Tiger“, den zweiten Roman von Helene Hegemann.

Vier Silben, die viel aussagen

Allein für den Namen Binky Schweiger müsste Helene Hegemann Buchpreise bekommen, die ihr 2010 für „Axolotl Roadkill“ verwehrt blieben. Weil sich allein in der Komposition der vier Silben des Namens Binky Schweiger das ganze deutsche Dilemma der spießigen Wohlstandsgroßbürger versammelt. Binky, so hieß einmal ein Eisbär in einem Zoo in Alaska, auch ein Hase bei Harry Potter trägt diesen Namen, ist der Indikator für die Geschmacklosigkeit derer, die ihre Kinder Wilson Gonzales oder Jimmy Blue nennen und Schweiger – was soll man dazu noch sagen? Folgerichtig stirbt Binky bei einem Autounfall. Auf der Leipziger Autobahn saust aus den Händen einer mit Jägermeister abgefüllten Realschüler-Gang ein Stein durch die Windsschutzschreibe direkt auf Binky. Auf der Rückbank sitzt der elfjährige Sohn Kai, der überlebt, sich in den nahe gelegenen Wald flüchtet, bei einer Zirkusfamilie landet, sich in Samantha, Zirkuskind und eine aus der Steinewerfergruppe, verliebt. Kai zieht später zum Vater Detlev, einem gut beschäftigten Kunsthändler. Er wächst als Kind einer Generation auf, die in bilinguale Grundschulen, in Kinder-Yoga-Gruppen und zu Psychotherapeuten geschickt wird.

Vielleicht ist das auch die Geschichte Hegemanns. Sie zog nach dem Tod der Mutter selbst zum Vater. Vielleicht ist es auch nur Zufall. Fest steht aber, das Kai den Verlust mit elf wegsteckt. Hegemann war dreizehn. Trotzdem, wenn sie an sich als Elfjährige denkt, dann sagt sie: „Ich wurde ein bisschen pubertär und das war in meinem Fall mit einer großen Depression verbunden. Wegen Christina Aguilera Videos plötzlich anfangen zu weinen, so irrationaler komischer Quatsch. So eine Komplettdepression angesichts der ganzen brutalen Welt. Kurz vor suizidal.“

Die Berliner Landschaft ist voll damit. Hegemann ist keine Erfindern, sie ist Beobachterin. „Ich kenn’ viele, die sechs mal die Woche Psychoanalyse machen, und zwar nicht, weil sie im Krieg waren, oder als Kind aus dem Fenster geschmissen wurden. Dann buchen sie sich noch eine Körpertherapeutin und einen Coach dazu, der ihnen erklärt, dass ihre Arbeitsblockade mit der unterdrückten Kreativität der Großtante zu tun hat.“ Natürlich ist Kai fasziniert von dieser absonderlichen Zirkuswelt, in der Prolls Energiedrinks literweise trinken, so muskulös und körperlich sind, wie keiner aus den Sammlerkreisen des Vaters.

Hegemann selbst verbrachte einige Sommerferien im Zirkus. Sie wuchs zunächst bei ihrer Mutter in Bochum auf. Als sie vier oder fünf war, sah sie dieses Zelt – und es hat sie sofort angezogen, der Aufbau, die Leute, die für sie unglaublich toll aussahen. Jedes Jahr in den Ferien hing sie dort ab, bis sie gefragt wurde, ob sie sich nicht vorstellen könnte, die Ställe mit auszumisten. Sie konnte und freundete sich mit der Familie vom Circus Sperlich an. Sie schaukelte schlussendlich am Trapez. Unten und mit einer Weichbodenmatte darunter. Hegemann, die mit ihrem serbischen Straßenhund Charlie zum Gespräch beim Italiener an die Rudi-Dutschke-Straße gekommen ist, der sofort ein paar Streicheleinheiten vom Kellner abkriegt, erinnert sich an die Kerle aus der Manege. „Das war mein erster Kosmos, in dem ich eine Glorifizierung von Popstars mitbekommen habe. Das waren meine absoluten Helden.“ Eine tiefe Ehrlichkeit spricht aus ihr, genauso wie aus ihrem Protagonisten, der in seiner toten Mutter nur noch eine Ansammlung von Zellen sieht. Hart, aber es stimmt.

Die andere Figur, um die sich alles dreht, ist Cecile, die damals sechzehn ist. Sie ist Tochter überaus reicher Hamburger, kokainabhängig, magersüchtig, von Eliteinternaten versaut. Das Übliche eben. Die neue Villa der Eltern ist so groß, dass die Mutter ihr eine SMS mit der Wegbeschreibung ins Esszimmer schickt. Cecile haut von zu Hause ab. Nimmt vorher noch eine unendlich teure und unendlich hässliche Elefantenstatue mit. Sie kommt nach München und wird die Freundin von Kais Vater.

Die Autorin Hegemann ist eine Meisterin der maßlosen Übertreibung. In einer übersteigerten, ja hysterischen Überdrehtheit schafft sie eine Wahrhaftigkeit, eine Realität, wie sie sonst nur in Dokusoaps erreicht wird. Es ist doch so, das Pseudo-Echte der Doku-Soaps ist tatsächlich noch viel echter als das Wirklich-Echte. Hegemann macht sich über den deutschen White-Trash lustig, in dem sie ihn in Form eines Tourette-Kids „Heedasdl Hitler, Hi ich bin ara—Fotze“ auf der Party von lauter Behinderten und Nichtbehinderten zur Begrüßung sagen lässt. Und gleichzeitig schockt sie die selbst ernannten Intellektuellen, die jetzt ihr Buch lesen. Denn die kennen „Mitten im Leben“, „Verdachtsfälle“ und so weiter, behaupten aber stets öffentlich, keinen Fernseher zu haben, weil da immer nur Schrott laufe.

Große Geschichte des Scheiterns

„Jage zwei Tiger“ erzählt eine großartige Geschichte vom Scheitern. Darin ist Helene Hegemann ganz nah bei einem früheren engen Freund ihres Vaters, bei Christoph Schlingensief, der im Scheitern eine Chance sah. Die Fürsorge, ein niemals zuvor erreichter Wohlstand unter der Jetzt-Generation an Jugendlichen, die damit einhergehende verwahrloste Eigenverantwortlichkeit – wie soll ein Kind heute etwas selber tun können, wenn es bereits für alle Fälle einen Yoga-, Lebens- und Zeitoptimierungs-Coach zur Seite gestellt bekommt? – führen zu einer lebensunfähigen Kids-Generation. Scheitern kommt als Modell nicht mehr vor.

Natürlich verlieben sich Cecile und Kai ineinander. Die beiden, die am Erfolg und den Erwartungen zu zerbrechen drohen, die ihren Ausstieg in der Magersucht, im Kokain oder in der Zirkuswelt versuchen. Am Ende treffen sie sich am Altar. „Zwei Jahre später, am 1. Mai 2016, war der Himmel so klar und blau, wie es ging“, beginnt Hegemann auf der letzte Seite ihres Romans. „Kai war sechzehn, Cecile fast einundzwanzig, und mit ineinander verschränkten Fingern standen sie vor einem winzigen, extrem niedergeschlagenen katholischen Priester.“ Sie heiraten. Im Sakrament der Ehe, im Transzendenten und nicht im Geldwert der Kunstgegenstände der Eltern, nicht im 3400-Euro-Lammfellkleid der Mutter finden sie eine altertümliche Ruhe tiefen Glaubens. Und wieder führt Hegemann alle an der Nase herum, die sie nur als Provokateurin sehen wollen. Doch gibt sie ihnen recht. Denn Glaube heißt Liebe, und Liebe passt nicht wirklich in eine Welt aus Erfolg.

Helene Hegemann: Jage zwei Tiger. Hanser, 320 Seiten, 19,90 Euro.