Liebesroman

Bäumchen wechsle dich

Als man einander noch gut war: Uwe Timms seltsam entrückter Liebesroman „Vogelweide“

Ein Schriftsteller mit einigem Erfolg ist Uwe Timm, aber er hätte auch Ornithologe oder Inselkundler werden können. Mit forschender Beharrlichkeit fällt der Blick seines neuen Romans „Vogelweide“ auf Priggen, Brandseeschwalben und Kampfläufer. Ein bisschen ist das wie Brehms Tierleben, aber in Wahrheit geht es um ein anderes klassifikatorisches Instrument: um den Versuch, beim Schreiben eine Elementarlehre des Sozialen zu entwickeln. Die Geschichte in „Vogelweide“ geht so: Ein erfolgsverwöhnter Geschäftsmann namens Eschenbach verliebt sich in Anna, die Frau eines anderen. Die Folgen sind verheerend, zwei Paare brechen auseinander, formen sich andersrum neu, und es wäre nicht Uwe Timm, wenn es bei diesem Bäumchen-wechsle-dich-Spiel nur banal zuginge. Timm ist Soziologe und Zeremonienmeister in einem. Er schickt seinen Helden Eschenbach auf eine Höllenfahrt. Die Firma ist bankrott, die Moral ist es ebenfalls. Der Held, arm aber glücklich, wird Vogelwart auf einer Nordseeinsel.

Ist „Vogelweide“ ein moralisierender Roman? Ja und nein. Vom Begehren ist bei Uwe Timm die Rede, und das ist in der gegenwärtigen Lage der Lust-Diskurse eine Ansage. Der 73-jährige will es sich nicht nehmen lassen, von den schönen Präliminarien und dem fatalen Nachspiel jener Dinge zu erzählen, die heute viel schneller zu bekommen sind als in der Zeit, aus der Timms Sprache stammt. Allen Ernstes sagt Selma, Eschenbachs Lebensgefährtin, als sie mit seinem Freund Ewald geschlafen hat, sie sei ihm „gut gewesen“. Auch wenn die Frau Polin ist und mitunter am Deutlichen vorbeiredet: So etwas ist nicht mal mehr altmodisch, sondern fast schon verstockt. Vielleicht muss man an solchen Stellen den Roman unter Aufbringung allen guten Willens gegen den Strich lesen, nämlich als radikale Modernisierung der „Wahlverwandtschaften“.

Weil Uwe Timm die feinen Linien im amourösen Beziehungsgeflecht nachzeichnen will, setzt er auch in seiner Ästhetik auf Verfeinerung. Mit erotischen Stillleben, die gleichermaßen exakt sind, wie ihre verschwiemelte Betulichkeit mitunter in scharfem Kontrast zum motivischen Mut des Romans steht. Auch bei seinen Figuren gerät Timm etwas ins Stereotype. Die Männer arbeiten an ablaufoptimierenden, also weltbewegenden Projekten, während die Frauen ihre Zeit mit Kreativem zubringen. In seinen genausten Passagen öffnet Uwe Timm seine Erzählung weit in den Raum. Er kann den Blick vom mikrokosmischen Leben im Watt hinaufziehen zu einer biblischen Geschichte der Versuchung (die von Jonas und dem Wal) und wieder herunter, dorthin, wo es um menschliches Strandgut geht.

Aber es gibt nach allen Niederlagen ein großes Versprechen. Anna wird kommen! Diese Sätze schweben über dem ganzen Roman. In Los Angeles hat die ehemalige Kunstlehrerin eine Galerie eröffnet. Stürmisch sind die Stunden, welche die beiden miteinander haben, nur im meteorologischen Sinn. Das Finale ist sacht wie das Rauschen des Meeres, es ist ein erotisches Utopia. „Vogelweide“ ist eine Flaschenpost aus Zeiten, in denen man noch nicht gefickt hat, sondern einander gut war. Ob es so viel besser gewesen ist, bleibt die Frage.

Uwe Timm: Vogelweide.Kiepenheuer & Witsch, 336 Seiten, 19,99 Euro.