Auftaktkonzert

Eine Wohlfühl-Band für alle

Seeed sind eine Berliner Erfolgsgeschichte. Jetzt spielen sie viermal in der ausverkauften Wuhlheide

Einer der schönsten und zärtlichsten Songs auf dieser Welt heißt „Wonderful Life“ und ist von einer längst vergessenen britischen Band, die nur ganz kurz am Ende der Achtziger Erfolg hatte. Black heißen sie und tatsächlich gibt es die Gruppe immer noch. Wenn man sich aber vorstellt, dass eine Reggae-Dancehall-Gruppe aus Berlin diesen wundervollen Achtziger-Song spielt, so hopsend, mit „Yeahs“ und „Big Up“ und „Berlin, Berlin“-Lauten, die Off-Beat-Typen eben immer machen, dann kann das eigentlich nur in eine Enttäuschung münden. Aber Irrtum! Wenn Seeed bei ihrem spontanen Aufwärmkonzert im Yaam – bevor sie von heute bis Sonntag vier Mal hintereinander die ausverkaufte Wuhlheide füllen, insgesamt also 68.000 Menschen erreichen – „Wonderful Life“ spielen, dann ist das einfach überwältigend. Weil Seeed trotz ihrer plakativen Breitbeinigkeit, der offensichtlich verspielt simplen Weltsicht „diese Braut, dieser Arsch, dieser Tag, dieses Leben“ eine musikalische Perfektion zelebrieren, eine Ehrfurcht vor dem Ton und vor allem vor ihren Fans haben.

Die Band hat sich 1998 gegründet. Seeed sind eine der großen Berliner Erfolgsgeschichten, die die ganze Republik durchdringen. Reggae, Dubstep, Ska sind sicherlich keine komplette Nischenmelodie. Letztes Jahr waren zum Beispiel 30.000 Fans auf dem Chiemsee-Reggae-Festival, aber trotzdem ist es eben auch keine Mainstream-Musik per se. Seeed aber sind im ganz großen Mainstream angelangt. Auf einem Level von Erfolg, über eine Million Platten verkauft zu haben, drei Top-Ten-Alben, das letzte, selbst betitelte aus dem September 2012 stieg sogar direkt auf Platz Eins ein. Drei Echos, Sieger des Bundesvision Song Contest.

Zum Einspielen dürfen 1900 Fans rein ins Yaam. Das ist fast ein Zehntel von einem Abend Wuhlheide, die Tickets kosten ein Viertel vom Wuhlheide-Eintrittspreis. Die Schlange nachmittags um 14 Uhr vorm Yaam ist lang. Gefühlt wollen alle zwischen der Oberbaumbrücke und der Heinrich-Heine-Straße zum Konzert von Seeed. Um kurz vor acht, kurz vor Beginn des Konzerts, campieren immer noch Hunderte auf der Wiese vor dem Jugendclub an der Spree.

Anzugträger neben Rastas

„Suche Seeed-Karten“ haben sich junge Menschen auf Pappe geschrieben. Sie rauchen eine Orientzigarette, so groß, so lang, so süß, wie man sie nur hier rauchen kann. Im Licht der untergehenden Sonne drängen sich bald alle, und zwar wirklich alle: Da sind die 16-jährigen Mädchen, die eine Spur zu cool vom Bier mit Limette trinken, auf deren Mützen „KRZBRG“ steht, das sind 50-jährige Pädagogen, die den Kontakt zur Basis suchen, die typischen Berlin-Alternativen mit ihren Baseballkappen und den Bärten, Nasengepiercte, Ohrengetunnelte, sogar Kerle in Anzügen und natürlich auch ein paar Rastas.

Seeed sind der musikalische Querschnitt der Berliner Gesellschaft. Ein bisschen Elektro-Wummer-Bass, ein bisschen Rap-Attitüde, da eine kleine Spur Proll, die aber vom Augenzwinkern hinter der verspiegelten Sonnenbrille gebrochen wird, ein bisschen Straße, etwas Migration, ein bisschen Glamour durch die gut sitzenden Anzüge, die sie inzwischen tragen, auch was Romantisches wie „Wonderful Life“ und eine Riesen-Portion Hedonismus. Seeed sind die ganz große Wir-Haben-Uns-Lieb-Weil-Alles-So-Geil-Ist-Integration. Die Fans sind zueinander so höflich, dass sie, wenn man als erster beim Bierstand war, die Bardame aber den Nachbarn anschaut, sagen: „Der war aber vor mir da.“ Bei Seeed kann es keinen Stress aufgrund (sub-)kultureller Unterschiede geben. „Mit einem Mal gefällt mir jedes Lied so/ tanz’ sogar zum Song von Placebo/ Bin Blau und die Dame Dito“, singen sie in „Ding“ – und genau das bringt einen Abend auf den Punkt.

Diese Fähigkeit, eine heterogene Gruppe von Fans zu einer riesengroßen, monolithischen Spaßkugel zusammenzudampfen, ist eine der großen Leistungen von Seeed und natürlich insbesondere von einem der drei Hauptsänger: Peter Fox. Von elf Leuten, die Seeed ausmachen, ist Fox das Sprachrohr, die große Instanz. Fox heißt eigentlich Pierre Baigorry, ist 42 Jahre alt und wuchs in Schönow auf. Er ist ein West-Berliner Junge, der Klavier, Flöte und Posaune spielt, der sein Abitur machte, Sonderschullehrer werden wollte, mit Seeed anfing und solo 2008 mit seiner Platte „Stadtaffe“ der größte deutsche Popstar des Jahres wurde. Er ist ein Berliner Dichter, ein großer Produzent, der inzwischen mit seiner Familie wieder in Zehlendorf wohnt, weit weg von den Kreuzberger Straßenszenen, den wackelnden Hintern und dem Blingbling.

Es hat etwas Komisches, der Anblick der kleinen Bühne im Yaam-Hinterhof. Seeed, die Yaam-Unterstützer, spielen ihr perfekt choreografiertes Programm. Ein bisschen mehr als eineinhalb Stunden sind Seeed ein Uhrwerk, die Bläser die taktgenau hin und her wippen, die drei Sänger Fox, Dellé und Boundzound, die ihr großes Gestenballett aufführen, auf der Stelle marschieren, später kommt auch noch die Marching-Band, die mit schneidenden Snare-Drums nach amerikanischem Bürgerkrieg klingt.

Peter Fox ist der Poet

Im Hintergrund darüber dreht sich der große Stern aus Stuttgart, er wird kleiner und größer, wie ein Mond, den man im Zeitraffer über mehrere Monate beobachtet. Das Blau des Abends wird irgendwann zum Schwarz der Nacht. Und Seeed spielen Fox’ größten Solohit. „Schwarz zu blau“. „Guten Morgen Berlin, Du kannst so hässlich sein / So dreckig und grau / Du kannst so schön schrecklich sein“ und am Ende heißt es da: „Und während ich durch die Straßen laufe / wird langsam schwarz zu blau“. Wenn Seeed die Partyband ist, dann ist Fox der Poet. Langsam werden die Abende kalt. Aber die nächsten vier Abende in der Wuhlheide, da kann man noch mal Party machen. Für Poesie ist ja auch im Winter Zeit.