Strawinski

Der halbautomatische Klavierspieler

Das seltsamste Konzert beim Musikfest Berlin: Ein Pianola begleitet den Rias Kammerchor

Anfang September wird auf dem Parkplatz der Philharmonie ein alter Mercedes Vaneo vorfahren. Aussteigen wird Rex Lawson, ein älterer Herr mit langem grauen Bart. Das Auto ist vollgeladen bis unters Dach, die Fracht höchst seltsam: zwei Kästen, die aussehen wie hölzerne Aktenschränke aus einer Behörde der Kaiserzeit. Ihre wahre Funktion sieht man ihnen weder auf den ersten noch auf den zweiten Blick an: Es sind Musikinstrumente. Zwei Pianolas einfacher Bauart, aus der Zeit zwischen 1895 und 1902, als dieses Instrument gerade erfunden war. Die beiden Kästen werden in den Bühnenbereich des Großen Saals transportiert, für Proben und Konzert werden die Pianolas auf Rollen vor zwei Konzertflügel geschoben, so dass über jede Taste des Flügels je ein Holzstift des Pianolas positioniert wird. Ein Pianola ist ein halbautomatischer Pianist, und seine Finger sind aus Holz. Die Holzstifte können nicht nur, wie ein Pianist, maximal zehn Töne gleichzeitig anschlagen, sondern unbegrenzt viele Stimmen zugleich spielen. Mit pneumatischem Antrieb, den der Spieler mit Fußpedalen betreibt, wird die ausgetüftelte Mechanik zum Leben erweckt.

Rex Lawson ist Pianolist, einer von nur dreien oder vieren weltweit, und mit den Instrumenten fährt er mit seinem Auto regelmäßig zu Konzerten mit Ensembles in ganz Europa. Beim diesjährigen Musikfest Berlin wird er mit dem Rias Kammerchor und dem Ensemble MusikFabrik Köln am 14. September Igor Strawinskis Oratorium „Les noces“ („Die Bauernhochzeit“) aufführen – Strawinski schrieb in dieser Fassung von 1919 ein Pianola vor, später wurde es mit vier Klavieren besetzt. Die Pianola-Fassung stellte der Komponist nie ganz fertig. Sein Impresario Sergej Diaghilew drängte, „Les noces“ endlich aufzuführen, und ein Pianola, das Strawinskis Ansprüchen genügte, ließ auf sich warten.

In Rex Lawsons Studio, das im Garten eines Reihenhauses in Südlondon liegt, sind etliche Pianolas verschiedener Epochen zu besichtigen sowie die zugehörigen Datenträger: Papierrollen mit eingestanzten Löchern. Ein Pianola ist ein Walzenklavier, aber kein vollautomatisches wie die legendären Welte-Mignon-Flügel, die eine bestimmte Interpretation eines bestimmten Pianisten originalgetreu abspielen. Nein, die Papierrollen, die auf die Walzen der Pianolas aufgespannt werden, enthalten zunächst nur die korrekten Töne eines Stücks. Den Rest – also das, was die Partitur zu Musik werden lässt: Lautstärke, Tempo, subjektive Temposchwankungen – fügt der Pianolist während des Abspielens der Rolle hinzu.

Deshalb ist ein Pianolist auch kein sturer Automatenbediener, sondern ein Interpret. Und zwar einer mit immensem technischen Know-How. Besonders kompliziert wird es, wenn ein Pianolist mit anderen Musikern zusammenspielen soll. James Wood, der das Konzert in der Philharmonie dirigieren wird, ist extra aus Berlin nach Südlondon gefahren, um mit Rex Lawson die Feinheiten abzustimmen. „Rex würde natürlich sagen, dass er meinen Tempi jederzeit folgen kann – aber es gibt eben einige spontane Dinge in so einem Konzert, die dieses Instrument vielleicht doch nicht ganz so spontan umsetzen kann wie Live-Instrumente. Da muss man sich absprechen.“

Es ist genau dieses Changieren zwischen sturer Motorik und dem Menschlich-Subjektiven einer Pianola-Interpretation, so glaubt Pianolist Rex Lawson, das unter den großen Komponisten des 20. Jahrhunderts insbesondere Igor Strawinski fasziniert habe.

Musikfest Berlin vom 30.8. bis 18.9. in der Philharmonie. Pianolist Rex Lawson begleitet am 14.9. den Rias Kammerchor beim Strawinski-Oratorium