Schauspieler

Unsere Stars erobern US-Serien

Heute startet „Crossing Lines“ mit Tom Wlaschiha. Auch Franka Potente, Diane Kruger und Sibel Kekilli sind unter die Serientäter gegangen. Und ändern den Blick auf die Deutschen

Es beginnt, wie so oft in Krimiserien, mit einer Leiche. Eine junge Frau wird in einem Pariser Park bestialisch ermordet, und Ermittler Louis Daniel glaubt, anhand der Verstümmelungen die Handschrift eines über Landesgrenzen hinweg mordenden Serienkillers zu erkennen. Er baut eine internationale Spezialeinheit auf, die für den Internationalen Gerichtshof in Den Haag europaweit Verbrechen bekämpfen soll. Jedes Mitglied dieses bunt zusammengewürfelten Eliteteams hat eine besondere Fähigkeit, jedes stammt aus einem anderen Land, gemeinsam ermitteln sie von Paris über Oslo bis Athen – in der neuen Serie „Crossing Lines“ ab heute auf Sat.1.

Im Team der vom US-Sender NBC, Sat.1 und dem französischen Fernsehkanal TF1 koproduzierten und in Europa gedrehten Serie ist auch ein Berliner: Tom Wlaschiha spielt Sebastian Berger, einen Berliner Polizisten mit exzellenten IT-Kenntnissen, der dank eines forensischen Hightech-Geräts einen Tatort virtuell darstellen und den Hergang detailliert rekonstruieren kann. Das menschliche Rechenzentrum der Truppe.

Das Ende des ewigen Naziklischees

Der gebürtige Sachse lebte lange Zeit in Berlin und kann hier auch heute noch relativ unerkannt durch die Straßen gehen. Mittlerweile hat er seinen Hauptwohnsitz nach London verlegt, wenn er nicht gerade in Amerika dreht. Denn er ist der wohl derzeit meistbeschäftigte deutsche Schauspieler im amerikanischen Fernsehen. Neben der neuen Krimiserie, die auch in den USA erst vor zwei Monaten startete, ist er auch in einer der derzeit erfolgreichsten Fantasyserien, „Game of Thrones“ (RTL II), zu sehen. Darin spielt er den mysteriösen Killer Jaqen H’ghar, der die Fähigkeit hat, sein Gesicht zu verändern.

Doch Wlaschiha ist nicht der Einzige. Derzeit erobern Schauspieler aus Deutschland amerikanische Fernsehserien wie im Sturm. Allein in „Game of Thrones“ finden sich zwei weitere Deutsche auf der internationalen Besetzungsliste. Sibel Kekilli („Gegen die Wand“) spielt die heimliche Geliebte des ungeliebten Sohnes des einflussreichsten Clans des fiktiven Kontinents Westeros. Und in der zweiten Staffel tauchte auch die Frankfurterin Laura Pradelska auf, wenn auch nur für zwei Folgen.

Seit einem Monat kämpft die deutsche Schauspielerin Diane Kruger, gebürtige Heidkrüger aus Hildesheim, als autistische Ermittlerin in der US-Serie „The Bridge“ gegen das Verbrechen. Das Remake der dänisch-schwedischen Krimiserie „Die Brücke – Transit in den Tod“, das bei uns auf dem Bezahlsender Fox läuft, spielt an der amerikanisch-mexikanischen Grenze. Kruger spielt eine amerikanische Ermittlerin aus El Paso, die mit ihrem mexikanischen Kollegen Ruiz auf Verbrecherjagd geht.

Ebenfalls eine heimliche Geliebte spielt Franka Potente bereits seit zwei Staffeln in der US-Serie „Copper“, hierzulande auf dem Bezahlsender Sky, die von einem Gesetzeshüter im New York des Jahres 1864 zu Zeiten des Bürgerkriegs handelt. Es ist nicht Potentes erste Fernsehserie, sie hatte bereits einen Gastauftritt in der Gruselserie „American Horror Story“. Ihre Rolle: eine mysteriöse Patientin der Irrenanstalt, die sich für Anne Frank hält.

Auffällig ist, dass all diese deutschen Serienstars bereits zuvor international Erfahrungen gesammelt haben. Wlaschiha war, neben Auftritten in zu Recht vergessenen deutschen Seifenopern wie „Eine für alle – Frauen können’s besser“, auch in Hollywoodproduktionen wie Spielbergs „München“ und „Operation Walküre“ vor der Kamera. Franka Potente drehte bereits mit Johnny Depp („Blow“) und Matt Damon („Die Bourne Identität“) und Diane Kruger, die mit 16 als Model nach Paris ging, startete ihre Filmkarriere in Frankreich, bevor sie mit Wolfgang Petersens „Troja“ neben Brad Pitt ihren Durchbruch hatte. Sie hat bis dato noch nie in einer deutschsprachigen Produktion gespielt, weder Film noch Fernsehen. Sie hat auch, anders als Wlaschiha in „Crossing Lines“, in ihrer „The Bridge“-Rolle als Detective Sonya Cross aus El Paso, Texas, keinen erkennbar deutschen Hintergrund.

Autisten, Huren, Puffmütter

Auch wenn sie meist nicht als amerikanische Muttersprachler besetzt werden, hat sich doch deutlich etwas verändert. Deutsche Schauspieler werden, anders als früher in Hollywood, nicht mehr festgelegt auf das Naziklischee oder den Bösewicht, sondern dürfen, siehe Wlaschiha & Kruger, mittlerweile selbst das Gesetz und das Gute repräsentieren. Oder sie sind, im Fantasyreich oder im historischen Kontext, auf das Erotisch-Exotische, das Andere abonniert, ob Kekilli als orientalische Hure in „Game of Thrones“ oder Franka Potente als deutschstämmige Bordellchefin in „Copper“.

Diese Serien spielen entweder in einer längst vergangenen Zeit oder zeigen eine globalisierte Welt, in der Amerika mit Alliierten gegen das Böse kämpft. Hier sind die Deutschen nicht der Standard, sondern die Sonderlinge, die Anderen, die Ausländer. Aber eines hat sich grundlegend geändert: die Deutschen werden nicht mehr per se als Nazis besetzt, auch wenn Wlaschihas Technik-Spezialist in „Crossing Lines“ kühl und distanziert wirkt und Diane Kruger in „The Bridge“ als Autistin sagt, was sie denkt, und damit regelmäßig Leute vor den Kopf stößt. Aber die Welt hat sich verändert. Und der Blick auf die Deutschen hat sich verändert. Auch dank Darstellern wie Kekilli, Kruger und Wlaschiha.

Deren Beweggründe sind klar: Es ist eine bewusste Flucht aus der deutschen Ödnis mit ihrer im Gros schlecht geschriebenen und billig produzierten Serienstandardware. Das Label „made in Germany“ mag in anderen Branchen ein Exportschlager sein, in der TV-Branche ist es nichts wert. Das amerikanische Serien-TV dagegen erlebt seit Jahren einen Boom, ist weitaus besser und interessanter, nicht nur für Zuschauer, auch für Darsteller. Eine knapp einstündige Episode von „Game of Thrones“ etwa hat ein höheres Budget und ist professioneller produziert als ein ganzer deutscher Kinofilm.

In Handlungssträngen, die oft über mehrere Episoden oder gar ganze Staffeln reichen, gibt es zudem die Möglichkeit, Charaktere sehr viel differenzierter und komplexer auszubreiten als in einem Spielfilm von 90 Minuten oder zwei Stunden. Nicht zu unterschätzen ist auch, dass eine Serie im Idealfall ein Engagement über einen sehr viel längeren Zeitraum sichert. Und auch für die US-Sender ist die Besetzung internationaler Darsteller alles andere als altruistische Entwicklungshilfe. Sie implementieren damit das Zuschauerinteresse außerhalb der USA und finanzieren durch den Rechteverkauf die hohen Produktionskosten.