Neuköllner Oper

Beim Opern-Festival „Move Op!“ geht es um die Eurokrise

„Festival für europäisches Musiktheater unter prekären Bedingungen“ lautet der Untertitel von „Move Op!“, der Musiktheater-Schau, die seit Freitag in der Neuköllner Oper läuft.

In anderen europäischen Ländern ist eine politische Relevanz von Oper, ist die Artikulation von gesellschaftlichen Problemen im Gewand dieser teuersten, aufwändigsten und zu politischer Repräsentation so gut zu (miss-) brauchenden Kunstform meist völlig ausgeschlossen. Die Apparate der etablierten Opernhäuser sind noch starrer und künstlerisch unbeweglicher als hierzulande – man denke an die jüngsten Streiks beim Chor der Mailänder Scala, der eine finanzielle Zulage forderte, weil er sich in einer Inszenierung der Choreografin Sasha Waltz auch etwas anderes tun sollte als zu singen.

Leider hat man nach einigen Stichproben von „Move Op!“ nicht den Eindruck, dass es tatsächlich die spezifischen Möglichkeiten von Musiktheater wären, die für eine Kritik an der skandalösen Umverteilung von Kapital in Europa herangezogen werden. Es scheint da eine Antiproportionalität zu geben: Je politischer und konkreter die Botschaft, desto weniger vertrauen die Macher auf die Wirkungskraft der Musik, geschweige denn, dass sie musikalisch Ungewohntes wagen. In „EUROpoly“ etwa, einem „Spiel mit Bürgern“, das in der Passage Neukölln als exklusives Festival-Event mit mitspielenden Zuschauern ausgetragen wird, werden Fragen, wie Musik eingebunden werden könnte, gar nicht gestellt. Mehr oder weniger interaktiv, aber sang- und klanglos wird die Eurokrise aus der Sicht von Kleinsparern erklärt.

Musikalisch relevant wird es – wie so oft in der Operngeschichte – dann, wenn es um private Schicksale geht, die sich vor einem nur vage gezeigten politischen Horizont ereignen. Die schottische Kurzoper „The Garden“ von John Harris ist ein Beispiel dafür. Sie spielt in einer beklemmend kleinen Wohnung, worin das Ehepaar Mac und Jane seit sieben Jahren lebt. Mac absolviert einen wissenschaftlichen Gastaufenthalt zur Erforschung des Klimawandels. Jane sitzt den ganzen Tag verzweifelt zu Hause und sieht eines Tages begeistert einen Apfelbaum aus ihrem Küchenboden sprießen. Macs Forschungen stellen sich als irrelevant heraus. Klug besinnen sich die Darsteller Pauline Knowles und Alan McHugh auf einen sehr alten Grund, weshalb in der Oper gesungen wird: die seelische Ausnahmesituationen Liebe, Hass und Verzweiflung. Es ist berechtigt, die Hoffnung auf noch mehr Musiktheater-Produktionen dieser Güte zu behalten: Diese Woche zeigt „Move Op!“ neue Stücke aus Ungarn, Spanien, den Niederlanden, Österreich/Tunesien und Griechenland.