Traditionelles

Seefestspiele im Trockenen

Unter freiem Himmel: Anna Maria Kaufmann leiht ihrer Csárdásfürstin in der Waldbühne Stimme und Leidenschaft

Nanu: ungewohnte Leere in der Waldbühne. Nur zu einem guten Drittel mit Publikum gefüllt. Die oberen Ränge – angeblich wegen ungünstiger Akustikverhältnisse gesperrt. Es könnte allerdings auch sein, dass Kálmáns „Csárdásfürstin“ einfach die Besucher weggeblieben sind. Möglich auch, dass die Waldbühne daran Mitschuld trägt. Denn dass die diesjährigen sommerlichen Seefestspiele dort stattfinden würden, war nur schwer vermittelbar. Die ursprüngliche Idee, frei nach Bregenzer Vorbild, ist nun endgültig verpufft, die da lautete: große Oper bei Sonnenuntergang auf dem Templiner See genießen, vor der Potsdamer Halbinsel Hermannswerder. Das Vorhaben scheiterte damals schon im Ansatz – an Anwohnerbeschwerden, Naturschutzklauseln, Trinkwasserverordnungen. Auch die zweite Idee, die Opernfestspiele auf den Wannsee zu pflanzen, stieß auf heftige Widerstände. Katharina Thalbachs „Zauberflöte“ musste 2011 ins Strandbad Wannsee ziehen, ins Trockene. Das Wasser war da immerhin noch in der Nähe.

Operette statt großer Oper

Doch nach einer misslungenen „Carmen“ von Volker Schlöndorff ein Jahr später, nach finanziellen Verlusten und endlosen bürokratischen Querelen kam nun der große Schwenk des Veranstalters Schwenkow: Er zog in die Waldbühne, aus großer Oper wurde Operette, statt zwölf Vorstellungen gibt es nur noch eine – nachdem endgültig klar wurde, dass sich zu wenig Interessenten für eine zweite Vorstellung am Folgetag gemeldet hatten. Und künstlerisch? Geht Schwenkow diesmal auf Nummer Sicher. Keine aufwändige Neuinszenierung sondern altbacken Traditionelles serviert er. Die „Csárdásfürstin“ des Budapester Operettentheaters wurde eingekauft und in die Waldbühne transportiert. Die komplette ungarische Entourage wirbelt mit, dazu stoßen zwei deutsche Topstars, um das Berliner Publikum auch wirklich zu locken. Anna Maria Kaufmann leiht der Sylva Varescu Stimme und Leidenschaft. Sie ist die Hauptperson, jene verführerische Schauspielerin, auf die in Amerika eine hoffentlich ganz große Karriere wartet. Im Schlepptau der umtriebige Ralph Morgenstern als ihr affektierter Butler Miska. Eine Rolle, die es eigentlich so gar nicht gibt bei Kálmán. Auf Morgensterns Wunsch wurde die Rolle des Oberkellners Miska kurzerhand umgebaut und kräftig gestreckt. Damit sein komödiantisches Talent noch intensiver zur Geltung kommt.

Und das ist auch gut so, denn die Inszenierung an sich wirkt so spektakulär wie Omas Hosenstrumpf.

Im Hintergrund der Bühne prangt ein dicker, fetter Reichsadler. Allerdings mit zwei Köpfen und hechelnder roten Zunge. Es könnte auch ein Drache sein, doch missgebildeter Adler ist wahrscheinlicher. Aus seiner Brust – schöne Idee - ragt ein massiver Balkon, der während der Vorführung vielfältig verwendet werden kann. Zunächst, während der Ouvertüre, sitzt Kaiser Wilhelm der II. da oben und erklärt den 1. Weltkrieg für eröffnet.

Abschiedsvorstellung im Varieté

Unter ihm stampfen, tanzen und robben die Soldaten, heben Schützengräben aus, werden verwundet, von attraktiven Lazarettdamen gepflegt und balsamiert. Und natürlich: bekommen Tapferkeitsmedaillen angeheftet. Eine Kriegsklamotte also, angesiedelt im Jahre 1914, der tatsächlichen Entstehungszeit der „Csárdásfürstin.

Sylva Varescu gibt ihre berühmte Abschiedsvorstellung im Varieté, räkelt sich dabei auf einer Kanone, die bedrohlich ins Publikum gerichtet ist. Wird von zwei Soldatenknaben lustvoll umgarnt und gestützt. Drumherum vergnügt sich die bessere Gesellschaft mit den Varietédamen, es wird anzüglich getanzt, anzüglich geredet, Safer Sex betrieben. Nein, das ist kein Varieté mehr, das ist ein gehobener Puff mit Prostituierten, die nebenbei eine Tanzausbildung im Portfolio haben und recht aufreizend ihre Salonbeinchen schwingen können. Die Adligen, wenn sie nicht gerade an den Damen hängen, werfen mit so primitiven, frauenfeindlichen Sprüchen um sich, dass Alice Schwarzer die Haare zu Berge ständen, wenn sie sich heute Abend in die Waldbühne verirrt hätte. Kein Wunder, dass Sylva Varescu die Flucht nach Amerika antritt.

Yvonne Kálmán, die Tochter des Komponisten, ist Ehrengast des heutigen Abends. Zeigt sich hocherfreut darüber, dass die „Csardasfürstin“ in Berlin gegeben wird. Was Kálmáns Musik angeht, ist es auch wirklich ein schöner Abend. Das Budapester Orchester steckt kurioserweise etwas abseits in einem Partyzelt. Wie sich der Dirigent mit den Sängern verständigt, bleibt sein großes Geheimnis. Doch es klappt ziemlich gut, das Orchester langt munter zu, das Gesangsensemble ist engagiert bei der Sache. Die Operette läuft weitgehend glatt über die Bühne. Nach der niederschmetternden Generalprobe am Freitag ist das ein kleines Wunder. Denn Regisseur Miklós-Gabor Kerényi – Künstlername: Kero – sprühte da vor Zorn. Beschimpfte sein Ensemble aufs Gröbste. Unterbrach alle fünf Minuten. Ein Glück, dass Anna Maria Kaufmann kein Ungarisch versteht – sie hätte sonst wohl das Handtuch geworfen.

Und das Wetter? Hielt sich hervorragend, war ideal für einen perfekten Operettenabend. Auch wenn die Mücken nach der Pause eifrig ihre hungrigen Zickzacks fliegen. Und sich vom allgegenwärtigen Autan-Geruch kaum abschrecken lassen.