Film-Porträt

In einer schäbigen Garage geht’s auch mal romantisch zu

Film-Porträt des Künstlers als junger Nerd: Ashton Kutcher spielt Apple-Gründer Steve Jobs

Ungefähr seit der Zeit der Romantik gibt es ein eigenwilliges literarisches Genre, das vor allem Deutsche immer wieder angezogen hat: den Künstlerroman oder die Künstlernovelle. Beispiele für dieses Genre sind die „Lebens-Ansichten des Katers Murr“ von E.T.A. Hoffmann, Mörikes „Maler Nolten“ oder Thomas Manns großer Exilroman „Doktor Faustus“ über den Tonsetzer Adrian Leverkühn. Aber auch anderswo kennt man Künstlerromane, etwa das „Portrait Of The Artist As A Young Man“ von James Joyce oder Balzacs „Illusions perdues“.

In Büchern dieser Art geht es oft darum, dass ein junger Mann mit seinen Dämonen ringt; dass er schier daran verzweifelt, etwas Einmaliges zu schaffen, etwas, was über ihn selbst hinausweist; beinahe muss er sich geschlagen geben. Dann – als er schon beinahe aufgegeben hat – kommt ganz plötzlich der Durchbruch, groß und strahlend steht das Opus vor ihm.

„Jobs“, ein neuer amerikanischer Film, in dem der 35 Jahre alte Schauspieler Ashton Kutcher die Hauptrolle spielt, gehört recht eindeutig diesem Genre an. Das kann uns aber eigentlich auch nicht wundern; die Stationen der Lebensgeschichte des Gründers von „Apple Computers“ fügen sich von selbst zum großen romantischen Muster. Da sind die schäbigen Anfänge in der Garage der Eltern, wo Jobs und seine Freunde in den späten Siebzigerjahren ihre ersten Tischcomputer zusammenlöteten. Da ist die geradezu verzweifelte Suche nach einem Geldgeber, den Jobs schließlich in Mike Markkula (Dermot Mulroney) fand. Da ist die Hybris des jungen Helden, die dazu führt, dass er aus seiner eigenen Firma hinausgeworfen wird. Da ist seine Rückkehr im Triumph und am Schluss der künstlerische Durchbruch – der iPod.

Das Drehbuch von Matt Whiteley und die Regie von Joshua Michael Stern fügen dieser Erzählung vom einsamen Genie, das sich gegen alle Widerstände selbst verwirklicht, im Grunde nur eines hinzu. Es ist die Szene einer Epiphanie ziemlich am Anfang des Films, unterlegt vom Allegro in Johann Sebastian Bachs drittem Brandenburgischem Konzert. Jobs liegt da mit seiner Freundin und einem Freund am Rand eines Weizenfelds; alle drei haben LSD geschluckt; Jobs blinzelt durch die Blätter eines Baumes in die Sonne. Und plötzlich wird ihm klar, wie alles mit allem zusammenhängt, er tanzt durch den Weizen. Dieser Szene entspricht im Künstlerroman die Berufung – dem Helden wird der (göttliche oder dämonische) Auftrag zuteil, sein Opus magnum zu schaffen, eine Aufgabe, der er sich fortan bei Strafe des Untergangs nicht mehr entziehen kann.

Im Grunde bleibt rätselhaft, welches Werk dieser Mr Jobs da eigentlich mithilfe seiner Freunde schafft. Gewiss, es geht irgendwie um Computer für jedermann, aber was genau schafft er denn da in seiner Garage und später in seiner Firma? Im Film wird immer nur drum herumgeredet – am schönsten in einer Szene, in der Jobs einen Designer bittet, er möge ihm doch einmal erklären, warum er überhaupt noch für Apple Computers arbeite. Der Designer sagt (mit leuchtenden Augen) ungefähr Folgendes: Es gehe ihm um die Vision eines Werkzeuges, mit dessen Hilfe jeder Mensch seine Individualität komplett ausdrücken könne.

Tatsächlich war Steve Jobs eben kein einsamer Romantiker in seiner Dachkammer – zur Verwirklichung seiner Visionen benötigte er Aufsichtsräte und Vorstandsvorsitzende und Untergebene.

Darum gleicht der Film in der Mitte auch eher einem elisabethanischen Drama als einem Künstlerroman. Am Anfang von „Henry V“ führt William Shakespeare uns vor, wie Prince Hal, nachdem er den Thron bestiegen hat, brutal jene Jugendfreunde abserviert, mit denen er gerade eben noch trinkend und hurend durch die Kneipen von London gezogen war. Mit derselben kalten Rigorosität trennt Jobs sich nach seinem Aufstieg zum Firmenchef von beinahe allen, die ihm in der Garage seiner Eltern zur Hand gegangen waren. Später dann – als seine eigene Firma ihn fallen lässt – erinnert er einen flüchtigen Augenblick lang an den traurigen, alten, verwirrten König Lear, der gar nicht glauben kann, wie gemein diese Welt doch ist. Allerdings geht seine Geschichte nicht ganz so tragisch aus, im Gegenteil: Steve Jobs versöhnt sich sogar mit seiner Tochter Lisa, deren Mutter er einst hinausgeworfen hatte, als sie ihm gestand, sie sei schwanger.

Der Film macht wunderbar deutlich, in welcher geistigen Sphäre die Firma Apple Computers entstanden ist. Es handelt sich hier um eine sehr kalifornische Geschichte – esoterisches Spinnertum, New-Age-Quatsch, Indienbegeisterung und Bob-Dylan-Kult verbanden sich organisch mit dem Glauben an die erlösende Kraft der Technik.

Der Künstlerroman, der in „Jobs“ verfilmt wurde, hat nichts mit dem Traum von einer besseren Zukunft zu tun. Gewiss, die Welt soll erlöst werden, aber nicht von der kapitalistischen Klassengesellschaft, sondern von der Sinnlosigkeit, der Banalität des Daseins.

Mit alldem haben wir noch kein Wort darüber gesagt, ob „Jobs“ ein guter Film ist. Leider muss gemeldet werden, dass es sich um ein eher mittelmäßiges Werk handelt; daran sind vor allem die schauspielerischen Bemühungen des Hauptdarstellers schuld. Ashton Kutcher war bisher kaum in ernsthaften Rollen zu sehen – berühmt wurde er durch Filme mit Titeln wie „Ey Mann, wo is’ mein Auto?“ sowie der brüllkomischen Vorabendserie „Two and a Half Men“. Jetzt will er seine Sache als ernsthafter Schauspieler besonders gut machen. Unglücklicherweise führt dies dazu, dass er an vielen Stellen chargiert. Eine bedeutend solidere Leistung legt Josh Gad als Steve Wozniak hin, der beste Freund des Meisters; allerdings ist das eben auch eine komische Rolle.

Doch obwohl es sich bei „Jobs“ um mittelmäßiges Kino handelt, ist der Film im Ganzen sehenswert. Denn dass wir plötzlich den Gründer eines Unternehmens, das schicke Rechner verkauft, als Helden einer altmodischen Künstlerlegende entdecken, sagt doch etwas über unsere Gegenwart aus.