Kunstsache

Wie man seinen Hausbaum richtig frisiert

Gabriela Waldes wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Emma und ich kennen Karsten Kusch gar nicht. Egal, für uns ist der Mann ein richtiger Berlin-Maler oder besser Zeichner. Nennen wir ihn einfach Malerzeichner. Seine Gemälde mit dünner schwarzer Linie aus Ölfarbe auf weißer Leinwand sehen aus wie leichthändige, großformatige Zeichnungen. An einigen Stellen verstärkt er die Linien noch mit Zeichenkohle. Dieses Dazwischen macht den Reiz seiner Tableaus aus.

Kusch, Jahrgang 1972, hat früher Kinoplakate geklebt, zu der Zeit, als die Kunst für ihn finanziell noch nicht reichte. In der ganzen Stadt kam er rum, vor allem früh morgens und nachts, um die Werbeflächen zu bekleiden. Vielleicht sind seine Bilder und Zeichnungen deshalb menschenleer, nur irgendwo taucht einmal ein Hund auf. Emma meint, so sei Kusch wohl auf all die Berlin-Motive gekommen, schließlich rauschten Straßen, Orte, Bauten, Sehenswürdigkeiten an seiner Windschutzscheibe vorbei. Vor allem mag er Tankstellen, Raststätten, Kies- und Schotterplätze, schemenhaft sind sie, Details fehlen, in ihrem reduzierten Strich sind sie am besten mit Architekturzeichnungen zu vergleichen. Vor allem Bagger hat Kusch gemalt und Kräne, die ihre Hälse in den grauen Himmel recken. Na ja, an Baustellen gibt es in Berlin keine Not. Da sehen wir Gebäude an der Chausseestraße und die Heidestraße mit Mauerresten in den Jahren 2005/6, alles anders heute. Irgendwie kam Kusch dann von diesen unfertigen, urbanen Unorten auf die Berliner Highlights, Brandenburger Tor, Goldelse, Funkturm.

Der gebürtige Berliner, der an der hiesigen Hochschule der Künste studierte, ist ein Chronist der Stadt, ganz ähnlich wie Christopher Lehmpfuhl. Die beiden kennen sich, wen wundert’s, sie stehen in der gleichen Tradition. Der 41-jährige „Impressionist“ malt allerdings immer draußen, auch bei Kälte, spontan, in Öl – und mit den Fingern. Doch Kusch kann auch anders: Bei Tammen & Partner zeigt er neben seinen Berliner „Souvenirs“ erfrischend durchscheinende Blumen-Stillleben. Sehr gestisch, dennoch wie hingetupft sieht das aus, Sommerbilder halt. (Tammen & Partner, Hedemannstr. 14/Ecke Friedrichstr., Kreuzberg. Tel. 225 027 910. Di-Sa 12-18 Uhr. Bis 24. August)

Keine Blumen, sondern Koniferen hat Ute Behrend fotografiert. Koni…, wie? Städter kennen das Grünzeug weniger, denn jener Hausbaum gedeiht eher in der Provinz. Oft in monströse Betonkübel verfrachtet, wird er häufig so doof mit der Gartenschere beschnippelt, als wolle ein Frisör demonstrieren, wie man jemanden mit einem Pott-Schnitt komplett ruinieren kann.

Damit jeder weiß, wie das Bäumchen aussieht, steht nun in der Alfred Erhard Stiftung ein gut frisierter Topf auf dem Empfangstresen. Das ist für naturentwöhnte Galeriegänger wirklich ein hübscher Service, grinst Emma. Im Garten ist das grüne Ding offenbar der Deutschen Lieblingskind, weil es, zumal in Reihung, Sichtschutz bietet, obendrein sauber, weil giftig ist, und noch dazu selbst in Top-Form gebracht werden kann. Egal ob Zypressen-Look oder Marke Schraubstock, je nach Geschmack des Eigenheimgärtners.

So kam die Kölner Fotografin auf die Idee, eine Art Psychogramm des Nadelholzgewächses zu machen. Also legte sie sich mit der Kamera auf die Lauer, irgendwo im Kölner Umland. Was nicht so leicht war, die Koniferen-Besitzer sind offenbar eine misstrauische Spezies, sonst hätten sie die Hecke ums Häuschen ja vielleicht gar nicht. Ute Behrend wurde beschimpft, ihre Autonummer notiert, und ja, auch noch fotografiert. Sicherheit ist eben alles. Die Koniferen im unterschiedlichen Verschnitt sind jetzt in der Ehrhardt-Stiftung zu sehen. Immer in fotografischen Paaren geordnet, damit man sieht, wie Menschen so einen armen Nacktsamer eigentlich zurichten können.

(Alfred Erhard Stiftung, Auguststr. 75, Mitte. Tel. 200 953 33. Di-So 11-18 Uhr. Do 11-21 Uhr. Bis 22. September)

Jeden Sonntag schreibt Gabriela Walde, Kunstkritikerin der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien