Jubiläumsausgabe

Humorvolle Miniaturen

„Tanz im August“ feiert sein 25-jähriges Jubiläum mit einem Blick zurück

Da stand nun Kulturstaatssekretär André Schmitz (SPD) am Rednerpult, um das bedeutendste deutsche Tanzfestival zu eröffnen. Und sagte das Programm an. Keine kulturpolitische Äußerung entrang er sich, obwohl die Berliner Tanzszene seit Monaten um ihre Zukunft bangt. Der Kulturhaushalt 2014/15 sieht, wie seit über einem Jahrzehnt, nicht mehr Mittel für sie vor; der Aufbau stabiler Produktionsstrukturen oder eigener Ensembles ist in Berlins Fördersystem nahezu unmöglich, was auch die diesjährige Kuratorin von „Tanz im August“, Bettina Masuch, in ihrer Rede anmahnte. Und André Schmitz? Sagte nur: „Die Zukunft liegt noch vor uns“. Nach Verheißung klang das nicht. Vielleicht war es eine dezente Aufforderung an Kultursenator Klaus Wowereit, künftig seiner Aufgaben zu walten?

Der Tanz musste einmal mehr für sich selbst sprechen. Am Eröffnungstag der mit Spannung erwarteten Jubiläumsausgabe von „Tanz im August“ erzählte er von Vergangenheit und Zukunft. Mit einer Hommage an die Tanzhistorie startete das 1988 als Fenster zur internationalen Szene in West-Berlin gegründete und nach einem Coup von HAU-Intendantin Annemie Vanackere seit diesem Jahr an ihr Theater gebundene Festival. Trisha Brown, eine Protagonistin des New Yorker Postmodern Dance, der in den Achtzigern auch die Berliner Tanzszene beeinflusste, zeigte im Hamburger Bahnhof einige ihrer „Early Works“ – Tanzgeschichte im Museum. Mit spielerischem Ernst erteilte die heute 76-Jährige ihren Tänzern in den Siebzigern choreographische Aufgaben: Da balancieren vier weiß gekleidete Performer eine an die Wand gelehnte Holzlatte auf dem Kopf, gehen in die Knie, bis sie den Stab auf ihrer Schulter platzieren können, angeln ihn schließlich mit einem weit nach oben gestreckten Fuß, hoch konzentriert, um den Winkel zwischen Stab und Boden zu erhalten. Ein Geschicklichkeitstest, der mal unbeholfen, mal grazil wirkt. Browns so abstrakte wie humorvolle Miniaturen unterlaufen konsequent die Erwartungen an die Virtuosität von Tanz.

Beifall durfte am Eröffnungsabend auch Steve Paxton entgegennehmen, der sein Solo „Bound“ aus dem Jahr 1982 mit dem fast vierzig Jahre jüngeren Tänzer Jurij Konjar neu einstudierte, eigens für „Tanz im August“. Paxton prägte die postmoderne Tanzbewegung ebenso wie Brown, doch wo sie abstrakt bleibt, wird Paxton politisch: Wie in einem stereoskopischen Bild verschmilzt der Tänzerkörper in „Bound“ mit einem militärischen Tarnmuster, das auf eine Stellwand projiziert wird. Am Schluss schiebt Konjar die Wand beiseite und enthüllt das Fresko einer Kirchenkuppel. Ein Manifest für Kunst statt Krieg.

Von den Spuren einer gewaltvollen Vergangenheit erzählt auch der kongolesische Choreograph Faustin Linyekula in „Drums and Digging“. Eingeladen ist er stellvertretend für die Künstler des globalen Südens, die zunehmend den lange westlich dominierten internationalen Tanz prägen. In „Drums and Digging“ berichten Linyekula und sein sechsköpfiges Ensemble von einer Recherchereise in den Kongo, auf der sie überall Spuren der kolonialen Vergangenheit fanden, tief in die gegenwärtige Kultur eingeprägt. Linyekulas Tanztheater, das auf dem internationalen Festivalmarkt das Geld für die Produktion in Kinshasa einspielt, vertritt sicher nicht die afrikanische Avantgarde, pendelt oft seltsam unentschieden zwischen heilendem Ritual und Auftragsarbeit.

Das Festival läuft bis Ende August, es endet mit „Ausufern“, einem dreitägigen Showing der Berliner Szene in den Weddinger Uferstudios. Hier, so ein Programmtipp, könnten Kulturpolitiker einmal die künstlerische Vielfalt besichtigen, die sie aktuell zu beseitigen drohen.