Fernsehen

Der Herbst ist gekommen, die Sekten schlagen aus

Der „Tatort“ aus Luzern kommt kaum vom Fleck

Machen wir uns nichts vor, es wird Herbst. Der Nebel steigt aus den Flüssen, der erste Schnee fällt. Die Gesichter frieren ein. Und die Geschichten. Wir mussten jetzt leider ein bisschen übers Wetter reden, weil der heraufziehende Winter dem „Geburtstagskind“ überschriebenen fünften „Tatort“ aus Luzern derart in den Knochen steckt, dass man vom Zusehen einen Schnupfen kriegt. Er kommt deswegen auch kaum vom Fleck. Das macht aber manchmal nichts.

Bevor wir zu den herrlichen Naturaufnahmen kommen, den zu sanft dräuender Musik schräg durch die Bäume der Wälder fallenden Sonnenstrahlen, den verlöschenden Lichtern der Stadt, den Ausblicken auf die Berge am Vierwaldstätter See, erzählen wir von Amina.

Die ist tot, liegt erschlagen im verfrorenen Wald. Vierzehn war sie. Schwanger im dritten Monat. Kind zweier Väter. Einer, der leibliche, ist Ex-Junkie und Wohnmobilbewohner. Der andere, der Aminas drogenkranke Mutter samt Schwester von der Straße aufgelesen und für den Herrn gerettet hat, steht einer obskuren freikirchlichen Sekte vor. Von Gnade und Kreis faseln die viel. Und sie beten gern. Das ist ja jedem unbenommen, es herrscht Religionsfreiheit. In der Schweiz, sogar in „Tatorten“. In denen kommt Religion gern vor und selten gut weg. Das ist auch in „Geburtstagskind“ so. Nun kann man ja gegen Sekten, christliche Fundamentalisten haben, was man will, es gilt auch die Freiheit der Religionskritik – ein bisschen charmant darf sie schon sein, und Esprit darf sie haben und Originalität. Nichts davon hat sie in „Geburtstagskind“. Da trägt sie – wie die Kommissare Flückiger und Ritschard – derart dicke Klamotten, dass sie nur als Karikatur ihrer selbst durch die frostige Luft des Plots stolpert. Sie sind halt bigott, die Fanatiker, und verrückt. Doch weil zum Glück viel Zeit für Langsamkeit ausgegeben wird, ist für eine Analyse der Gemeinschaft der Unseligen kein Platz. Was „Kreis und Gnade“ tatsächlich treibt, bleibt im Nebel der Andeutungen stecken.

Schön ist, wenn keiner was sagt. Wenn man dem Ungesagten zuschaut, in die Gesichter blickt, die festgefroren scheinen, aus denen das Leben herausbricht, und die Erinnerung an das, was sie verpasst haben. Sie sagen Sätze wie aus schlechten „Derrick“-Folgen. Und man wünscht sich einen gnädigen Schneesturm herbei, der vom Rigi herunterfegt und die ganze unfrohe Gesellschaft mitnimmt in den ewigen Winter des „Tatort“-Archivs.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr