Film

Einer allein gegen das FBI

John Grishams neuer Thriller „Das Komplott“ erzählt vom Rachefeldzug eines schwarzen Anwalts

Die folgende Geschichte ist fiktiv. Die meisten der Figuren und Ereignisse, von der sie handelt, sind erfunden. Sie basiert außerdem auf einer geradezu lächerlich kurzen Recherche. Um herauszufinden, dass die Vereinigten Staaten von Amerika unter den zivilisierteren Republiken dieser Erde dasjenige Land sind, in das wir nach Russland gegenwärtig am zweitunliebsten auswandern würden, hat die Lektüre von ziemlich exakt 450 Seiten vollkommen gereicht. Sie stammen von einem Mann, dessen Bücher – er hat nach divergierenden Zählungen zwischen zwei und drei Dutzend geschrieben, die in einer Gesamtauflage von gut dreißig Millionen Büchern weltweit kursieren – aus der Gefangenenbibliothek von Guantanamo verbannt wurden.

Weil seine kritischen Geschichten den da einsitzenden mutmaßlichen Terroristen möglicherweise das sichere Gefühl gegeben hätten, dass sie mit einem Angriff auf den Leuchtturm von Freiheit und Demokratie und Rechtsstaat doch ein gutes Werk getan hätten: Der Jurist und Schriftsteller John Grisham hat ganz allein für das Schlechtschreiben nicht nur, aber vor allem des Justizsystems seines Heimatlandes mehr getan als ein halbes Dutzend skandinavischer Krimikollegen fürs Ruinieren des Rufs von Schweden und Co. als mustergültige Sozialstaaten.

Amerika ist ein rassistisches Land

„Das Komplott“ nun heißt Grishams neuer Roman. Und wer bis dahin nach der Lektüre von Grisham-Klassikern, nach dem Versagen der Obama-Administration auf nahezu allen Feldern, nach der NSA- und allerhand anderer Affären noch nicht bereit war, seine Greencard zu zerreißen, sobald er sie gewonnen hätte, wäre es nach dessen Lektüre. Es ist die Geschichte von Malcolm Bannister. Der war Rechtsanwalt im 25.000 Seelenkaff von Winchester/Virginia. Und er sitzt, was bei Grisham Rechtsanwälte gern tun, in der Klemme, schlimmer: er sitzt sogar im Gefängnis. Und – was noch schlimmer und eine Premiere unter Grishams eingeklemmten Juristen ist – er ist schwarz.

Womit wir beim ersten Grund fürs Greencardverbrennen wären, den wir aus der Lektüre des „Komplotts“ mitnehmen: Die Vereinigten Staaten von Amerika sind immer noch und selbst oder vielleicht gerade unter der Regentschaft eines schwarzen Präsidenten ein rassistisches Land. Malcolm Bannister wäre gern in Washington geblieben als Jurist. Er hatte keine Chance. Und selbst in Winchester/Virginia, wo er herkommt, hat er es schwer. Erst allmählich spricht sich auch unter Schwarzen rum, dass ein Anwalt nicht deswegen clever ist und gut, weil er weiß ist. Die Richter allerdings nehmen ihn immer noch nicht richtig ernst.

Selbst sein Vater, einer der ersten schwarzen State Trooper, glaubt lieber der weißen Justiz, als seinem Sohn. Dass er wegen angeblicher Geldwäsche und erwiesener Dummheit zehn Jahre im fein säuberlich in eine weiße, eine schwarze und eine braune Gang sortierten Knast sitzt, wo er sich als Wunderjurist auch unter den Weißen einen Ruf wie Donnerhall erarbeitet, hat er einem weißen Toplobbyisten mit dem im Deutschen sprechenden Namen Bobby Rafko zu verdanken.

Womit wir bei Grund zwei wären: Der moralische Zustand des politisch-gesellschaftlichen Systems in den USA erreicht einen ziemlich hohen Wert auf der nach oben offenen Italien-Skala. Die Politik lässt sich schmieren, Geld wird verschoben, Blondinen bevorzugt zur Bezahlung von politischen Gefälligkeiten, und Gesetze werden überall gemacht, in den Neben-, Dunkel- und Hinterzimmern der Lobbyisten, auf deren Fluren, in deren Lusthütten, bloß nicht im Parlament.

Und – Grund drei – jene, die für die Umsetzung der Gesetze zuständig sind, sind auch nicht besser. Die Justiz, wie Bundesrichter Raymond Fawcett im Fall vom „Komplott“, der erschossen wird und dem Malcolm Bannister am Ende Freiheit und Reichtum verdankt, ist korrupt und selbstherrlich. Die Strafverfolgungsbehörden tun es ihnen gleich. Das DEA, die für die Drogenkriminalität zuständige Drug Enforcement Administration, erschießt Verdächtige gern mal einfach so von hinten. Und das FBI – Grishams Lieblingsfeind im „Komplott“ – ist nicht nur unfassbar dämlich, sondern ob seiner anarchischen Eigen- und Allmächtigkeit extrem gefährlich für jeden sich unbescholten glaubenden Bürger.

Noch mehr Gründe für die Vernichtung der Greencard? Die USA zahlen fünf Mal mehr Geld für die Unterbringung von Gefangenen als für die Grundschulausbildung von Kindern. Die USA haben die höchste Gefangenenrate aller halbwegs zivilisierten Länder. In den vielen Hinterwäldern, auf dem vielen, unfassbar flachen Land bleibt der Jugend gar nichts übrig an Perspektiven, als Chemielabore zu basteln, Meth zu produzieren, zu verkaufen und natürlich zu konsumieren. Nicht die Politik regiert das Land, sondern Gangs auf allen Ebenen. Und ins Gefängnis kommen möchte man gar nicht. Das zumindest will man aber sowieso nirgendwo. Malcolm Bannister jedenfalls, den Grisham ausschließlich schwarze Autoren zu lesen gibt, damit sich der weiße Leser erinnert, dass seine Hauptfigur schwarz ist, nimmt Rache.

Er hat nichts mehr zu verlieren

Nachdem sich Grisham gut zweihundert Seiten lang an seinem Land abgearbeitet hat, legt Bannister FBI, Justiz und Politik, also alle, denen er die Schuld für sein zerstörtes Leben gibt, in einem herrlichen Tricksterfeuerwerk rein. Er hat nichts mehr zu verlieren. Seine Ehe ist eh im Eimer, seinen geliebten Sohn erzieht ein neuer Vater. Anwalt wird er nie wieder sein dürfen. Was anderes kann er nicht. So lässt er, der als Ich-Erzähler an Anfang viel Energie darauf verwendet hat, als Naivling zu erscheinen, auf einen Deal mit FBI und Anwaltschaft ein. Rule 35 heißt der Deal und bedeutet so etwas wie Kronzeugenregelung. Er hat keine Lust noch mal fünf Jahre hinter Gittern den Knastanwalt zu geben, er nutzt kalt aus, was er unter den Knastis gelernt hat.

Malcolm, behauptet er, weiß, wer Richter Fawcett umgebracht hat. Und schon – weil sie noch karrieregeiler und öffentlichkeitshöriger ist als rassistisch – vergisst die Obrigkeit, dass Malcolm schwarz ist. Aus Malcolm wird Max, aus dem weichen Anwalt ein umoperierter Hipster, ordentlich Geld bekommt er noch dazu. Und kaum hat er seinen Kumpel, den Mörder, verraten, steht er schon in Florida und kann machen, was er will. Was er auch tut. Sehr zum Unmut jener, die ihn einst reingelegt hatten.

Und landet am Ende, schwer reich, smart und mit einer wunderschönen (schwarzen) Frau an der Seite auf Antigua. Da sind viele Schwarze, da ist Freiheit. Grisham schickt seinem vergleichsweise schlanken Thriller, der unter Garantie ins Kino kommt, noch Folgendes nach: „Recherche war mir nicht wichtig und kaum jemals erforderlich. Genauigkeit schien mir nicht ausschlaggebend.“ Ist also alles anders in Amerika? Wahrscheinlich. Wir müssten mal recherchieren.

John Grisham: Das Komplott. Heyne, 448 Seiten, 22,99 Euro