Literatur

Wenn der Deutsche zweimal lacht

Die Unfähigkeit zu spaßen: Ein neues Buch erkundet die deutsche Komik

Bulimiker, die über Essen schreiben, Geistliche, die über Sex dozieren, und Allergiker, die über Wanderungen in der Natur berichten, sind allesamt Abtörner. Und wer gern lacht, dem muss dringend davon abgeraten werden, je ein Buch über Humor zu lesen, vor allem, wenn es von Humorexperten kommt. Denn je weiter der Begriff ausdifferenziert wird, umso diffuser wird er. Und so wie man ein elementares Gefühl wie Liebe nicht erklären kann, kann man auch Humor nicht definieren. Umso erstaunlicher ist, dass immer noch solche Bücher geschrieben werden.

Zwei Berliner Autoren, Jakob Hein und Jürgen Witte, haben nun den vielen Werken ein weiteres hinzugefügt: Es heißt „Deutsche und Humor“ und behandelt die „Geschichte einer Feindschaft“. Es ist ordentlich geschrieben, zeugt von einer soliden Kenntnis der Materie – aber auch vom Mut der Autoren, ausgerechnet den Ast abzusägen, auf dem sie selber sitzen. Denn es gilt ja als ausgemacht, dass deutsche Menschen von Hause aus keinen Humor haben, zum Lachen in den Keller gehen und beleidigt reagieren, wenn man ihre Humorkompetenz infrage stellt. „Ein deutscher Witz ist nichts zum Lachen“, soll Mark Twain mal gesagt haben. Und wer nur einmal einen rheinischen Frohsinnverein oder eine Vorstellung von Mario Barth erlebt hat, der wird dem amerikanischen Schriftsteller recht geben. Schlimmer noch, er wird das Vorurteil bestätigt finden, dass „der Deutsche“ nach einem Witz zweimal lacht. Das erste Mal aus Höflichkeit, das zweite Mal, nachdem ihm die Pointe erklärt wurde. Aber ist das vielleicht auch nur ein Witz, der belegt, dass die Deutschen doch Humor haben?

Hein und Witte unternehmen einen langen Streifzug durch die deutsche Geschichte, auf der Suche nach der Ursache „der konsequenten Geringschätzung der humorvollen Kunst in unserer Gesellschaft“. Dabei sei doch die deutsche Literatur eine humoristische Schatztruhe, von Hanswurst, Simplicissimus und Till Eulenspiegel bis zu Wilhelm Busch, Karl Valentin und Heinz Erhardt ließen sich zu jeder Zeit, auch im Dritten Reich, Beispiele für einen deutschen Humor finden – der freilich bis heute darunter leide, dass er „als Gegenteil von Ernsthaftigkeit missverstanden“ wird; ihm mangele es an gesellschaftlicher Anerkennung, noch nie sei ein „komisches Werk“ mit einem „ernst zu nehmenden Preis“ geehrt worden.

Was die Kategorisierung von Humor mit all seinen Unterarten zusätzlich erschwert, ist der Umstand, dass der „unfreiwillige Humor“ vermutlich die am meisten verbreitete, aber am wenigsten beachtete Art des Humors ist. Wenn Renate Künast eine Initiative der Grünen, einmal in der Woche einen „Veggie-Day“ einzuführen, damit begründet, so könne jeder „einen ganz persönlichen Beitrag zum Klimaschutz“ leisten, dann ist das nicht nur eine moderne Form des Ablasshandels, sondern auch saukomisch. Wer darüber nicht lachen kann, hat vom Humor keine Ahnung.

Jacob Hein & Jürgen Witte: Deutsche und Humor. Geschichte einer Feindschaft. Galiani, 176 Seiten, 16,99 Euro.