Sesshaft

Das Restaurant benannte er nach seinem Film: Gloria

Sebastian Lelios Film lief auf der Berlinale. Der Chilene lebt seither in der Stadt

Haben Sie schon Gloria kennengelernt? Diese alleinstehende Frau Ende Fünfzig, die sich trotz aller Rückschläge einfach nicht unterkriegen lässt? Sie ist derzeit Berlins neuer Kinoliebling und flirtet und tanzt sich gerade in der chilenischen Tragikomödie „Gloria“ in die Herzen von Publikum und Kritik.

Was nicht so viele wissen: „Gloria“ ist ein Stück weit auch ein Berliner Film. Der Regisseur Sebastián Lelio kam vergangenen Sommer mit einem Stipendium des Künstlerprogramms des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) nach Berlin, um hier sechs Monate am Schnitt des Films zu arbeiten und zwei Drehbücher zu entwickeln. Und es hat dem 1974 in Santiago geborenen Filmemacher hier so gut gefallen, dass er einfach geblieben ist.

„Ich wollte eine Weile weg aus Chile, um ein bisschen frischen Wind in meinen Kopf zu bekommen“, erklärt Lelio. „Das Stipendium kam zum perfekten Zeitpunkt. Und dann habe ich mich in die Stadt verliebt, ich fühle mich hier sehr wohl, habe viele Freunde hier.“ Es sei ein guter Ort, um zu arbeiten, Drehbücher zu entwickeln und zu schreiben. „Das könnte ich zwar theoretisch von überall aus machen. Aber Berlin inspiriert mich gerade viel mehr als Chile.“

Lelio war somit bereits Wahl-Berliner, als er hier im Februar seinen vierten Spielfilm „Gloria“ im Wettbewerb der Berlinale präsentieren durfte. Er huldigt darin der Generation seiner Mutter, „alleinstehende Frauen eines gewissen Alters, die in unserer jugendfixierten Gesellschaft kaum wahrgenommen werden“, erklärt Lelio. Der Film eroberte das Festival im Sturm, und Hauptdarstellerin Paulina García gewann, völlig zu Recht, den Silbernen Bären. Lelio hat sich bereits davor mit seinen ersten drei Filmen einen Namen auf internationalen Festivals gemacht. Mit befreundeten Kollegen wie Pablo Larrain, der in diesem Jahr mit „No!“ für einen Oscar nominiert war und auch „Gloria“ produziert hat, gehört er zu einer Neuen Welle junger chilenischer Filmemacher. „Wir hatten einfach das Gefühl, dass zwei Jahrzehnte nach dem Ende der Diktatur eine gewisse Sattheit im chilenischen Kino war. Daran wollten wir etwas ändern“, sagt Lelio. Ihm sei aber wichtig, nicht nur Filme über die Situation in Chile zu machen, er könne sich auch vorstellen, Geschichten in anderen Kulturen zu erzählen. Deutsche Filme kannte er bereits vor seinem Umzug. Einen hat er sich sogar zum Vorbild für eine Sexszene zwischen Gloria und ihrem Liebhaber genommen: „Das Paar in Andreas Dresens ‚Wolke Neun’ ist zwar älter, aber die unverstellte Art, Sexualität zu zeigen, fand ich wunderschön.“

Gloria ist auf der Suche nach einem Platz im Leben, Lelio selbst ist bereits angekommen. Berlin ist nicht nur eine Phase, er hat sich längst in der Stadt etabliert und mittlerweile sogar mit Freunden ein lateinamerikanisches Restaurant in der Görlitzer Straße in Kreuzberg eröffnet. Der Name ist Programm: Es heißt „Gloria“. Dort gibt es zu den Bossa Nova-Klängen des Films auch Glorias Lieblingsdrink, den Pisco Sour.