Opernkritik

Beethovens „Fidelio“ schwimmt sich im Stadtbad Steglitz frei

Werke der Opernliteratur offenbaren das Innerste ihres Charakters am besten dann, wenn man sie des Mantels repräsentativer Hochkultur völlig entkleidet, wenn man den ganzen angeblich nötigen Apparat zu ihrer Aufführung samt großem Orchester, Samtvorhang, Pausensekt und Programmheft weglässt.

So geschieht es in der Inszenierung von Beethovens Oper „Fidelio“ im Stadtbad Steglitz. Das kleine Jugendstil-Bad außer Betrieb, das bereits seit Jahren von Theatergruppen und Musikensembles bespielt wird, ist zur Zeit eine Baustelle. Vermutlich, weil die Eigentümerin Gabriele Berger es als Kulturspielstätte Clubtheater konsequent rüsten will, hat man die Umkleidekabinen neben dem Becken herausgerissen. Stefan Neugebauer, der Regisseur des „Fidelio“, hat sich ausbedungen, die Kabinentüren in den tiefen Teil des Beckens zu legen, damit sich Leonore und Rocco im zweiten Akt effektvoll an ihnen zu schaffen machen können.

Wer in Neugebauers „Fidelio“ allerdings ein hyperrealistisches Spektakel erhofft, wird enttäuscht. Zu gewissenhaft und notengetreu wird hier versucht, musikalische Funken aus einer sperrigen Partitur zu schlagen, die auch für ausgewachsene Ensembles nicht mit links zu bewältigen ist. Wer indes angesichts der kleinen Combo eine neutralisierte Studio-Fassung von Beethovens Rettungsoper befürchtet, wird angenehm überrascht, wenn auch die ganze Angelegenheit recht hallig daherkommt und Kapellmeister Helmut Weese oft Mühe hat, Sänger und Musiker von der Tiefe des Beckens bis zur Höhe der Galerie zusammenzuhalten.

Der wahre Charakter, den dieser gleichsam nackte „Fidelio“ auf der Bad-Baustelle offenbart, ist derjenige tiefen Ernstes und gnadenloser Unbedingtheit der moralischen Aussage. Dies liegt nicht zuletzt an einer wirklich grandiosen Ilona Nymoen als Leonore, in deren fein nuanciertem, kompromisslosen Spiel alle Leidenschaft und Zerrissenheit der sich zum Zweck der Gefangenenbefreiung als Mann verkleideten Ehefrau zum Ausdruck kommen. Während der Regisseur alle Sprechdialoge aufs Äußerste verknappt, erstickt Nymoen mit heiligem Ernst die Tendenzen von Beethovens Opernsolitär zum verstaubten Humanismus einerseits, zur unfreiwilligen Klamotte andererseits. In der anspruchsvollen Partie ihres eingekerkerten Gatten Florestan bleibt Tenor Thomas Andersson stimmlich kaum hinter dieser Leistung zurück. Leonores Gegenspieler, der fiese Gouverneur Pizarro, wird von Benoit Pitre mit einem mächtigen Bariton versehen. Kathleen Morrison als sMarzelline und Laurent Martin als Pförtner Jaquino passen sich bestens in die schwierige akustische Balance in den Ensembleszenen ein – Szenen, die das gesamte alte Stadtbad trotz aller Spartanik der Ausstattung zum Schwingen bringen.

Stadtbad Steglitz Bergstr. 90, Steglitz. Tel.: 547 731 18. Bis 1. August; Mi-Fr.