Schloss Roskow

Lächelnde Madonnen und Bunga-Bunga-Partys

Die 19. Kunstschau Rohkunstbau auf Schloss Roskow stellt sich die Moral-Frage

Vor sieben Wochen kam die gute Nachricht. Die 19. Ausgabe von „Rohkunstbau“ würde stattfinden können. Lange hatte es so ausgesehen, als müsste die Brandenburger Ausstellung für zeitgenössische Kunst wie schon im Vorjahr ausfallen – mangels Budget und Location. Doch dann waren Sponsoren und ein geeigneter Ersatz für Schloss Marquardt bei Potsdam gefunden, wo der Rohkunstbau einige Jahre gastiert hat. Schloss Roskow in Roskow (Potsdam-Mittelmark) heißt die neue Adresse – auch wenn sie aus Berliner Perspektive leider noch etwas abgelegener liegt.

Schloss Roskow ist ein barockes Herrenhaus, das nach dem Krieg als Dorfschule genutzt wurde, aber 2004 endgültig die Pforten schloss, um seither zu verfallen. Der Fassadenschmuck zeugt jedoch noch von Preußens Glanz. Die hier wohnenden Herren von Katte gehörten zum brandenburgischen Uradel und mischten zwei Jahrhunderte lang in der preußischen Generalität mit. Das Tympanon überm Haupteingang zieren Kanonen, auf den Pilastern der Hoffassade thronen mächtige Rüstungen.

Auf dem Haus liegt aber auch ein Schatten. Leutnant Hans Hermann von Katte war ein Freund Friedrichs II. und half ihm bei der Flucht vor dessen Vater, Friedrich Wilhelm I. Die Flucht scheiterte und Katte wurde auf königlichen Geheiß vor den Augen Friedrichs hingerichtet. „Wenn keine Gerechtigkeit geschieht, geht die Welt unter“, hieß es in der Order des Königs an das Kriegsgericht.

Anständiges Verhalten ist eben eine bittere Pille. Das will auch das Rohkunstbau-Plakat sagen, das eine weiße Tablette mit dem eingeprägten Schriftzug „Moral“ zeigt. „Zeitgenössische Kunst benötigt Werte“, erklärt Mark Gisbourne, seit 2004 Kurator der Ausstellung. „Aber wie etablieren wir Werte ohne ein gewisses ethisches Konzept? Moral hat einen negativen Beigeschmack, dabei ist sie nur Ausdruck einer ethischen Handlung.“ Moralisieren will Gisbourne aber nicht. Und die Künstler, die er nach Schloss Roskow eingeladen hat, haben sich von dem Wert auch eher inspirieren lassen, als ihn zu illustrieren.

Ming Wong nähert sich in seiner Videoinstallation „Making Chinatown“ dem berühmten Film von Roman Polanski mit Jack Nicholson als Privatdetektiven, der einem Korruptionsskandal auf die Schliche kommt. Der Streifen arbeitet sich an allen möglichen, moralisch verwerflichen Themen ab: Habgier, Intrige, Mord, Verrat, Betrug. Indem Ming Wong Schlüsselszenen des Films mit sich selbst in allen Rollen nachspielt, ironisiert er die sich in Lügen verstrickenden Charaktere. Der aus Singapur stammende Künstler lebt in Berlin und setzt sich in seiner Arbeit oft mit gesellschaftskritischen Fragen auseinander. Gleichzeitig verbinden seine Videoarbeiten aber auch performative Theatralik mit filmhistorischer Recherche.

Spirituell geht die Schweizer Künstlerin Annelies Štrba das Thema an: Sie malt jeden Tag eine Madonna. Unschuldig lächeln 30 der kleinformatigen Ikonen in enger Hängung von der Wand. So rein und milde, als wäre vorbildliches Verhalten keine schwere Bürde, sondern ein Gottesgeschenk. Margret Eicher mag einen solchen Glauben längst verloren haben, und doch ist sie auf der Suche nach dem Idealzustand. Ihre beiden Wandteppiche „Heroes“ präsentieren öffentliche Verfehlungen aus dem kollektiven Gedächtnis. In der ersten Tapisserie feiert ein Gangsta-Rapper mit seinen Gespielinnen eine Bunga-Bunga-Party, während in der zweiten Tapisserie der Putin-Kritiker Michail Chodorkowski am moralischen Verfall seiner Heimat verzweifelt. Eichers Bilder verweben kunsthistorische Zitate mit popkulturellen Bezügen und Kitschelementen zu einer komplexen Mythologie des Alltags.

Dass die wiederholt auftauchende Computerspiel-Heldin Lara Croft aber eine Reinkarnation der Brunhilde ist, wie der Kurator suggeriert, erscheint etwas weit hergeholt. Gisbourne will seine Ausstellung nicht nur unter moralische Gesichtspunkte stellen, sondern auch in eine Tetralogie einbetten, die sich an Wagners Ring-Zyklus orientiert. „Macht“ hieß das Rohkunstbau-Motto vor zwei Jahren in Anlehnung an „Das Rheingold“. Nun soll es also „Die Walküre“ richten. Doch glücklicherweise sind die meisten künstlerischen Positionen stark genug, um für sich allein zu wirken.

Philipp Fürhofer hat als Bühnenbildner auch Opern ausgestattet. Seine multimedialen Lichtobjekte können aber auch als eigenständige Skulpturen bestehen. Zlatko Kopljars Fotografien dokumentieren seine Performances und erinnern an die Balkankriege, die noch viel näher liegen als die Götterdämmerung der Nibelungen. Und Michael Wutz ist vielleicht der einzige, der ernst nimmt, was den Rohkunstbau während der letzten Jahre prägte: die Ortsbezogenheit. In seiner Rauminstallation spürt er der Geschichte von Schloss Roskow nach.

Rohkunstbau XIX. Schloss Roskow, Dorfstr. 30, Roskow. Bis 22. September.

Info unter http://2013.rohkunstbau.de/