Kunstsache

Das ABC der Schriftgestaltung

Gabriela Waldes wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Ist ein Fragezeichen sexy? Theodor W. Adorno war bekanntlich ein richtig kluger Mann. „Sind nicht Fragezeichen wie Blinklichter oder ein Augenaufschlag“, philosophierte er zum Thema „Satzzeichen“ in seinen „Noten zur Literatur“ im Jahr 1958. Dass Typografie kein Knäckebrot-Thema sein muss, beweist nicht nur Adorno mit seinen flotten Ausführungen, sondern auch die kleine, feine Schau im Bauhaus-Archiv. Typografie ist Schrift, Schrift wiederum Kommunikation, und ohne diese gäbe es nicht eine einzige SMS auf unseren Smartphones. Wie hat sich Schrift durch das Digitale entwickelt? Lauter abreißbare Zettel hängen an den Wänden, Theorie zum Mitnehmen, damit die Besucher wissen, wie Schriftgestalter, Philosophen und Forscher zu den Schriften stehen. Bereits die Dadaisten experimentierten munter mit den Lettern, die Avantgarde bereitete eine neue Typografie vor. Im Bauhaus werden die wichtigsten „Klassiker“ der Schriftgestaltung wunderbar visuell an den Wänden durchbuchstabiert, die Bauhäusler selbst dürfen freilich mit ihrer Offensive nicht fehlen, aber auch der Ideologisierung der Schrift durch die Nazis ist eine Wand gewidmet – Hitler favorisierte den monumentalen Neoklassizismus.

Emma hat kürzlich gelesen, dass in Weimar und Dessau neue Bauhaus-Museen entstehen sollen, und weil die meisten Galerien ohnehin Sommerpause machen, sind wir im Bauhaus-Archiv am Landwehrkanal gelandet. Die drei Städte wollen das 100. Gründungsjubiläum 2019 gemeinsam feiern. Schließlich ist diese Schule für Architektur, Design und Kunst im 20. Jahrhundert eine Weltmarke. Und endlich soll auch das Berliner Museum den lange geplanten Erweiterungsbau bekommen. Wer im historischen Gebäude von Walter Gropius steht, sieht schnell, der Ausstellungsbereich platzt aus allen Nähten, alles wirkt sehr beengt. Quasi ein Geburtsfehler. Als das markante Haus mit den Shed-Dächern 1979 fertig wurde, war es bereits zu klein. Das ist schade, schließlich gehören rund eine Million Exponate aus allen Bereichen der Designschule zum Fundus.

Emma und ich schlendern durch die gut besuchte Dauerausstellung, viele internationale Touristen sind da, man hört diverse Sprachen an diesem späten Vormittag. Emma hat zwei Frauen gesichtet, wie sie fasziniert, fast andächtig vor den Stahlschwingern von Marcel Breuer stehen. Ein Foto zeigt den Meister, sitzend und ein bisschen arrogant auf einem seiner Klassiker. Seine Entwürfe aus den Jahren 1925/26 lösten einen Boom aus. Emma steht nun ganz verliebt vor einer hellen Küchenzeile. Keine Spur von Technik, das sei irgendwie faszinierend, findet sie. Aber sie muss hier ja auch nicht spülen. Jedenfalls ist die Bauhaus-Ästhetik so aktuell wie nie, die materielle Reduktion en vogue. Gerade am skandinavischen Möbeldesign lassen sich derzeit viele dieser Einflüsse ablesen.

Viele Highlights schlummern im Depot: die Gemälde der Meister wie Klee, Kandinsky und Schlemmer, die vielfältige Möbelsammlung, die Metall-Ikonen von Marianne Brandt oder etwa der Nachlass von Walter Gropius. Aus Platzgründen werden oft nur Fotos gezeigt, das reicht aber nicht, „die Leute wollen das Flair, die Atmosphäre der Schule und der Zeit nacherleben“, erzählt Annemarie Jaeggi, Direktorin des Hauses. Vergangenes Jahr präsentierte sich das Berliner Museum zur Olympiade in London. Seitdem kursiert im Haus der Galgenhumor-Satz: „Wir müssen an die Themse fahren, um unsere Sammlung zu sehen.“

Doch derzeit blickt Jaeggi optimistisch nach vorne. Für den Neubau gibt es grünes Licht. Der Kultursenat kalkuliert 2015 mit 500.000 Euro Planungskosten, ein Architekturwettbewerb muss ausgeschrieben werden. Insgesamt sind 40 Millionen Euro veranschlagt. „Wir hoffen sehr, dass wir es zeitnah schaffen, das Projekt umzusetzen“, heißt es aus dem Senat, damit auch Berlin neben Dessau und Weimar „etwas vorzuweisen hat“. Die Sammlung jedenfalls ist ein großes Kapital.

(Bauhaus-Archiv, Klingelhöferstr. 14. Mi-Mo 10-17 Uhr. Ausstellung „On-type“ bis 11. August)

Jeden Sonntag schreibt Gabriela Walde, Kunstkritikerin der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien