Heimspiel

Party, bis der Arzt kommt

Das Wochenend-Duell auf dem Flugfeld Tempelhof ist entschieden: Die Ärzte aus Berlin siegen über die Toten Hosen aus Düsseldorf

Männer in den Fünfzigern, die von Tamagochis singen und vom Bauchweh beim ersten Date, sind eigentlich ein Fall für den Arzt. Bei den drei Herren, die sich Bela B., Farin Urlaub und Rodrigo Gonzáles nennen, ist das natürlich etwas anderes. Sie sind Die Ärzte. Sie dürfen das und noch viel mehr. Am Sonnabend haben sie es getan. Vor gut 40.000 Zuschauern.

25 Minuten lang wollen sie nur spielen, haben sie gedroht. Sie seien schließlich nicht mehr die Jüngsten. Aber das ist natürlich Hokuspokus. Einen Tag zuvor haben es die Toten Hosen, ihre größten Konkurrenten, schließlich auch auf knapp zwei Stunden gebracht. Und dieses Limit gilt es zu halten, zu übertreffen. Gut gelaunt, aber vielleicht eine Spur zu routiniert rocken sie das Tempelhofer Feld mit Songs wie „Revolution“, „2000 Mädchen“ oder „Popstar“.

Gruß an die Konkurrenz

Einen Seitenhieb auf die Toten Hosen gibt es natürlich auch. „An Abenden wie diesen fragt man sich: Warum kann’s nicht immer so sein?“, bemerkt Farin Urlaub – eine Anspielung auf einen der erfolgreichsten Songs der Hosen. Bei denen, so witzelt er, erfahre man immer „sehr viel über das Leben“. Es ist eine Retourkutsche auf eine Bemerkung des Hosen-Sängers Campino.

Einen Abend zuvor hat der auf derselben Bühne nicht nur auf den bevorstehenden Konzert der Ärzte hingewiesen. Die Hosen haben auch gleich einen Song ihrer Berliner Erzrivalen gecovert: „Schrei nach Liebe“. Da steckt viermal das Wort „Oh oh Arschloch“ drin. Doch wer wollte, konnte das, wenn nicht als Liebeserklärung, dann doch als augenzwinkernden Gruß an die Konkurrenz verstehen. Wie hat es Campino so treffend formuliert? „In Tempelhof können Sie heute schon die Schlagzeile von morgen hören.“

Die viel beschworene Rivalität zwischen den Bands, sie scheint nur noch als PR-Gag zu taugen. Es ist ja auch schon fast dreißig Jahre her, dass Campino ein blaues Auge aus der Disco Ballhaus Tiergarten mit nach Hause gebracht hat, ein Andenken an eine Schlägerei mit Bela B. Warum die Fäuste flogen, wurde nie geklärt. Es heißt, es sei um Frauen gegangen. Wodka war wohl auch im Spiel. Spätestens im Jahr 2000 spielte das aber auch keine Rolle mehr. Da bestritten Die Ärzte und Die Toten Hosen ihr erstes gemeinsames Konzert, im SO 36 in Berlin, getarnt als „Die Zuspäten“ und „Essen auf Rädern“. Zwei exzellente Live-Bands, beide seit 1982 im Geschäft, beide mehrfache Millionäre.

In Berlin rocken sie am Wochenende einen Ort, der wie geschaffen ist, um abzuheben. Ready for Take Off. Doch wer von beiden hat die Massen auf dem Tempelhofer Rollfeld denn nun sicherer in den siebten Himmel befördert? Wer hat das Duell gewonnen? Es ist ein knappes Kopf-an-Kopf-Rennen. Die Toten Hosen starten in der Pole Position, bei schönem Wetter. Die Ärzte dagegen bringen Regen mit.

Aber was sind schon ein paar Tropfen? Farin Urlaub, Bela B. und Rodrigo Gonzàles lassen sie einfach an sich abperlen. Die beste Band der Welt, wie sie sich in aller Bescheidenheit nennt, nimmt das Leben eben so, wie es kommt. Immer schön easy.

Das unterscheidet sie von Campino, dem Oxfam-Botschafter, dem Antifaschisten, dem Vegetarier, dem Bono für Dosenbier-Trinker. Campino gefällt sich auch mit 51 Jahren in der Rolle des Ruhrpott-Jesus, der das Elend der Welt auf seine Schultern nimmt. Eine gewisse (Selbst-) Ironie kommt aber in Berlin nicht nur gut an. Sie ist überlebenswichtig in einer Stadt, die dazu verdammt ist, immerfort zu werden und doch niemals zu werden. Siehe der neue Flughafen.

1:0 für die Ärzte. Ihr Auftritt, das ist ein Heimspiel. 1982 gaben sie ihr erstes Konzert in einem besetzten Haus in Kreuzberg, nicht weit vom SO 36, vor einer Handvoll Hardcore-Punks. Der Rest der Geschichte ist bekannt. Die Punks konnten mit dem Sound nichts anfangen. Zu viele Akkorde, zu viele Harmonien, und die Texte kein bisschen wütend. Die Punks waren not amused. Es drohte Kloppe.

Mädels wedeln mit Oberteilen

Die Ärzte kratzten die Kurve in Richtung Stadion. Den Vorwurf des kommerziellen Ausverkaufs konnten sie elegant kontern. „Punk ist nur die Idee, die hinter den Ärzten steht“, hat Bela B. einmal gesagt. „Alles andere machen wir so, wie wir es für richtig halten.“ Auf dem Tempelhofer Feld brauchen sie sich nicht über Gebühr anzustrengen. Der Punkt für körperlichen Einsatz geht an Campino.

Berlin liebt seine Ärzte, die Stadt liegt ihnen auch nach dreißig Jahren zu Füßen, den Männern mit erschummeltem Doktortitel. Falls es dazu noch eines Beweises bedarf, liefern ihn die Mädels ausgerechnet zu dem Song „Jesus“. Tausende ziehen reflexartig ihre T-Shirts aus, als Farin Urlaub fragt: „Are you ready to wedel?“ Es ist ein skurriles Bild. Halbnackte Frauen und Oberteile, die wie Ventilatoren über den Köpfen rotieren. So etwas schaffen in Berlin nur die drei. Party, bis der Arzt kommt.