Young Euro Classic

Stargeiger Joshua Bell lässt Jugendorchester ziemlich alt aussehen

Wenn das kein Coup ist: Joshua Bell und Christoph Eschenbach, zwei Weltstars, greifen einem Jugendorchester unter die Arme.

Treiben die Erwartungen in die Höhe. Sorgen dafür, dass der Abend von vielen Besuchern schon im Vorhinein als Höhepunkt der diesjährigen Young Euro Classic-Reihe gesehen wird. Verzweifelte „Suche Karte“-Schilder säumen die große Treppe des Konzerthauses. Der Saal ist zum Platzen gefüllt, die Vorfreude allgegenwärtig. Gastmoderator Holger Wemhoff schickt ein paar Worte voraus. Schwärmt vom Australian Youth Orchestra in höchsten Tönen. Verrät, dass die Orchestermusiker ihre großen Gaststars liebevoll Joshy und Eschy nennen. Und mutmaßt, dass die jungen Australier es mit jedem Elite-Orchester aufnehmen könnten. Weil sie einfach die Besten seien.

Und zunächst scheint es auch wirklich ein toller Abend zu werden. Ein Didgeridoo grunzt und raunt von rechts in den Zuschauerraum herein. Der riesige William Barton, in Australien wie eine Legende verehrt, spaziert mit dem langen Holz am Mund auf die Bühne. Er lässt sich Zeit, weitet sein Solo aus, streut sogar Beat Boxing ein. Sein Hip-Hop-mäßiges „Check this out“ ruft bei den Streichern Gelächter hervor. Dunkle Orchesterschwaden ziehen auf, mystische Geräuschkulissen entstehen. Peter Sculhorpes „Earth Cry“ ist Filmmusik im besten Sinne, ein mitreißender Soundtrack zum Land Australien, ein tiefer Blick in die Seele der Aboriginies.

Doch dann kommt Joshua Bell, und plötzlich wird alles anders. Das Australische Jugendorchester lässt sich einschüchtern von so viel Perfektion, so viel Überlegenheit, so viel musikalischem Können. Der erste Satz des Tschaikowsky-Violinkonzerts gelingt ihnen noch am besten. Mit Bells schlanker, wendiger Virtuosität, seinem blitzschnellen Geist können sie hier gerade eben mithalten. Doch die jungen Musiker verausgaben sich, sind so erschöpft, dass sie eine Pause bräuchten. Der minutenlange Applaus vor dem zweiten Satz verschafft ihnen allerdings nur ein kurzes Verschnaufen. Im Andante schwächeln sie, werden rau und ungepflegt im Ton, ihre Klangkultur bricht auseinander.

Joshua Bell merkt das, wird ungehalten. Seine Lust, mit dem Orchester zusammen zu spielen, schwindet. Trauriger Tiefpunkt ist das Finale: Joshua Bell sprintet kapriziös von dannen, hängt seine jungen Kollegen ab, verheddert sich sogar. Beinahe muss abgebrochen werden. Ganz unschuldig bei dieser Angelegenheit ist Christoph Eschenbach auch nicht. Denn seine seltsamen Temposchwankungen im letzten Satz überfordern die Australier ganz offensichtlich. Trotzdem liegen sich Solist und Dirigent hinterher in den Armen, als wäre alles glänzend gelaufen.

Das Jugendorchester kann einem leidtun. Es wird zwischen zwei übergroßen Künstlern regelrecht aufgerieben. Vielleicht ist Eschenbach ja nicht der richtige gewesen für diesen Abend. Seine salbungsvolle Art, hohe Kunst zu verkörpern und auszustrahlen, sein hehrer Anspruch, dass das Orchester von seiner Musikalität ergriffen werden möge – auch in Strawinskys „Sacre“ funktionierte das nur teilweise.