Open-Air

Schlaflos mit den Toten Hosen

Das Tempelhofer Feld verwandelt sich an diesem Wochenende in eine Punkrock-Arena. Campino ist Star des Open-Air-Festivals

Es wäre der Alptraum für jeden Flugreisenden: Ein Rollfeld voller Menschen, kein Durchkommen, nirgends. Am Freitagabend kann man diesen historischen Moment erleben: Rund 40.000 Menschen besetzten das Rollfeld des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Doch von Frust oder Panik keine Spur. Die Besucher warten schließlich nicht auf einen Flieger, sondern auf die Toten Hosen. Um Punkt 20. 45 Uhr eröffnen die Punkrocker aus Düsseldorf ein einzigartiges Konzertwochenende. Es ist der Wettbewerb der Punklieblinge: Die Toten Hosen gegen die Ärzte. Beide Bands haben 2012 ihren 30. Geburtstag gefeiert, an diesem Wochenende treten sie gegeneinander an. Die Hosen am Freitag, die Ärzte am Sonnabend und Sonntag. Es ist das bisher größte Konzert an diesem historischen Ort, an dem die Amerikaner während der Luftbrücke Care-Pakete abgeworfen haben.

Heute schon ein Song von morgen

Doch die Erinnerung daran spielt an diesem Abend keine Rolle. „Solange gute Bands spielen, ist jeder Ort geil“, sagt Chrissy Kownatka, 25, Hotelfachfrau aus Lichtenberg und Ärzte-Fan seit Kindheitstagen. Sie hat sich gleich Tickets für alle drei Tage besorgt. Dieter Fritsche, 61, ist nur wegen der Toten Hosen gekommen: „Der Ort is’ mal wat Anderet“, bemerkt er beim Blick über das Rollfeld. Es ist schwarz vor Menschen. Die Stimmung ist gut. Auch wenn nicht jeder Besucher auf der ebenen Fläche einen guten Blick auf die Bühne vorn hat.

Campino und seine Jungs rocken das Rollfeld mit Klassikern wie „Sascha“ und „Bonnie und Clyde“. „Es tut gut, ein bisschen Erste-Liga-Luft zu schnuppern“, sagt Campino zum Auftakt. Als sich die Dunkelheit über das Rollfeld senkt, kann man den Sänger und seine Kollegen auch von weit hinten auf den Videoleinwänden sehen. So sind sie präsenter als die fernen Männeken auf der Bühne. Zur allgemeinen Überraschung spielen sie einen Song der Ärzte, „Schrei nach Liebe“: „Hier könnt Ihr heute schon hören, was Ihr morgen erst als Schlagzeile in der Zeitung lesen werdet!“ 30 Jahre und kein bisschen leise: Totbehoste leben länger.

Schon gegen 13 Uhr geht es am Freitagnachmittag los. Da mischen sich Menschen in schwarzen T-Shirts, schwerem Metallschmuck und auffälligen Haarschnitten. Sie sind aus ganz Deutschland und Berlin angereist, um beim dreitägigen Deutschpunk-Festival mitzufeiern. „Wir haben unsere Tickets schon im November gekauft“, sagt Yvonne Flory, 25, aus Düsseldorf. Sie ist mit ihrem Zwillingsbruder, René Flory, 25, und sechs Freunden nach Berlin gereist. Die Toten Hosen hat sie schon öfter gesehen, aber noch nie bei einem Open-Air in Berlin. „Und das Wetter ist auch einfach fantastisch für so etwas“, sagt Niko Bongartz, 29, während er es sich in einem Campingstuhl bequem macht. Mit ihrem Exklusivsitzplatz und Bierbechern hat sich die Gruppe vor dem Eingang eingerichtet. Viele der Besucher haben in ihrer Vorfreude schon früh angefangen, Bier zu trinken. Doch Sabrina Künckels hält sich noch zurück. „Ich will am Abend fit sein. Dann feiere ich nämlich mit Campino meinen Geburtstag!“ Die 28-jährige Kassiererin aus Aachen ist mit ihrem Ehemann, Christian Künckels, 32, und ihrem zwölfjährigen Sohn Tobias angereist. Es ist die bislang weiteste Strecke, die sie hinter sich gelegt hat, um ihre Lieblingsband zu sehen. Fans sind sie alle.

„Ich habe die Hosen schon locker 30 Mal gesehen“, sagt Sonja Ganz. Für ihren Sohn Tobias ist es das erste Hosen- Konzert. Ob die Toten Hosen oder die Ärzte besser seien, darüber gibt es in der Gruppe verschiedene Meinungen. Einige halten die Toten Hosen schon längst für abgetan und veraltet.

Ratlosigkeit bei Touristen

Die Düsseldorfer Punkrocker am ehemaligen Flughafen in Berlin: eine abgefahrene Location. Aber nicht für alle Gäste. Familie Hochfeld aus Wuppertal etwa findet den Ort ziemlich unübersichtlich. „Bis man hier einmal rumläuft, ist man halb tot. Außerdem wissen wir nicht genau, zu welchem Eingang wir sollen“, sagt Hendrik Hochfeld, der mit gleich 25 Familienmitgliedern am Mittwoch anreiste, um sich auch etwas die Hauptstadt anzuschauen.

Eigentlich haben die Veranstalter eine Anwohnerschutzzone eingerichtet, um ein Verkehrschaos zu vermeiden. Einige Straßen sind nur für Anwohner frei, andere nur für Linienbusse – und auf zwölf Straßen kommt es zu Komplettsperrungen. Die Polizei appelliert an alle Konzertbesucher, mit öffentlichen Verkehrsmittel zum Tempelhofer Feld zu fahren. An jeder Sperrung stehen am Freitag auch Ordnungskräfte, die Antworten auf Auskünfte geben. Doch manche Bewohner fühlen sich unzureichend informiert. „Wir bekommen dieses Wochenende Besuch“, sagt Evelyne Fiedler. „Wie sollen die denn jetzt durchkommen?“ Auch auf den Lärm freut sich die Anwohnerin nicht. „Ich hoffe, dass nachts das Bett nicht bebt.“