Nachruf

Der schönste Silberblick von Hollywood

Auch sie war ein Easy Rider: Schauspielerin Karen Black starb mit 74

Motorräder sind was für Männer. Die große Freiheit auf der Straße. Das moderne Äquivalent zum Western, wo der Cowboy vor allem deshalb allein in die Prärie reitet, weil die Frau zu Hause bleibt. Das letzte Derivat der Freiheit. Klar, zur Legende des Kultfilms „Easy Rider“ gehört, dass die Männer, die darin spielten, Peter Fonda, Dennis Hopper und Jack Nicholson, damit zu Stars wurden. Aber eine Person wurde dabei immer übergangen. Weil sie eine Frau war. Karen Black spielte nur eine Nebenrolle, eine Prostituierte, die im LSD-Rausch durch den Film taumelt. Aber auch für sie war der Film der Durchbruch.

Und das war keine Selbstverständlichkeit. Denn unverkennbar hatte Karen Black einen Silberblick. Unverkennbar hatte sie auch einen viel zu großen Mund und eine nicht weniger kleine Nase. Das widersprach jedem Schönheitsideal. Mit solch einer Physis bekam man nicht die Rollen der naiven, liebenden jungen Frauen. Das ist auch der Grund, warum sie stets die „reiferen“ Parts bekam, die erfahreneren Frauen. Soll heißen: die Barmädchen, Prostituierten, Gangsterbräute. Karen Black, schrieb damals die „New York Times“, war die „anrührend vulgäre Person“. Das sollte ein Kompliment sein. Im großen Umbruch der 68er-Generation machte das New Hollywood Schluss mit den klassischen Edelfilmkonfektionen der Traumfabrik. Es gierte nach anderen Stoffen, es brauchte realistischere Figuren, moderne Rollenmodelle. Und Karen Black war die richtige Frau zur richtigen Zeit.

Dass Karen Blanche Ziegler, so ihr richtiger Name, die Schule vorzeitig geschmissen hatte, passte nur zu gut in das Selbstverständnis der neuen Rebellen. Sie hat dann aber doch ganz ordentlich bei Lee Strasberg in New York Schauspiel gelernt und sich am Broadway Achtungserfolge erspielt. Eine erste größere Filmrolle gab es 1966 in Francis Ford Coppolas „Big Boy“. Aber dann kam dieser kleine, schmutzige Undergroundfilm, den Hopper und Fonda für wenig Geld gedreht hatten und der, völlig unerwartet, die Filmindustrie so nachhaltig umkrempeln sollte. Ein Jahr nach „Easy Rider“ spielte Black schon wieder neben Jack Nicholson, in „Ein Mann sucht sich selbst“; erhielt dafür eine Oscar-Nominierung und ihren ersten Golden Globe. Noch ein Jahr später führte Jack Nicholson in „Drive, He Said“ erstmals Regie, und wieder spielte sie an seiner Seite.

So wurde Karen Black das Gesicht eines halben Jahrzehnts. Ob Robert Altman für „Nashville“ oder Alfred Hitchcock in seinem letzten Film „Familiengrab“: Alle wollten Karen Black haben. Alle schwärmten von diesem rätselhaften, weil asynchronen Blick, in den man so viel hineingeheimnissen konnte.

Karen Black schaffte es auch in Mainstreamfilme wie „Der große Gatsby“, wo sie natürlich nicht die feine Daisy spielte, sondern die schlampige Hure Myrtle (und dafür ihren zweiten Globe gewann). Oder in den Katastrophenfilm „Airport 75“, wo sie sich als Stewardess hinter das Steuer klemmen musste, um ein führerloses Flugzeug notzulanden. Aber die (wenigen) weiblichen Gesichter des New Hollywood, das waren eben andere, waren die Faye Dunaways, Ellen Burstyns, Mia Farrows.

Karen Black wurde schließlich immer wahlloser, was ihre Rollen anbelangte. Sie hat auch in zweitklassigen Horror- und drittklassigen Science-fiction-Werken mitgespielt. Aber sie war bis zuletzt tätig und hat gerade ihren 193. Film „In the Woods“ abgedreht. Seit 2010 litt sie an Krebs und musste via Internet regelrecht Geld von Fans zusammensammeln, um sich die teure medizinische Behandlung überhaupt leisten zu können. Am Donnerstag ist sie mit 74 Jahren ihrer Krankheit erlegen.