Ausstellung

Wenn das Eselsohr die Illusion zerstört

Galerie Capitain Petzel zeigt John Stezakers radikale Collagen

Die Echos des 20. Jahrhunderts hallen in einem ehemaligen DDR-Autohaus auf der Karl-Marx-Allee in Berlin nach. Das modernistische Gebäude mit dem offenen Grundriss gehört heute den Galeristen Gisela Capitain und Friedrich Petzel. Und obwohl die aufwendige Renovierung den Flachbau in eine zeitgenössische Kunstgalerie verwandelt hat, haben sich die Spuren der Vergangenheit erhalten. Das hat das Haus mit den Collagen von John Stezaker gemein, die bis zum 31. August dort zu sehen sind.

Die meisten dieser Collagen bestehen aus Vintage-Abzügen von Fotografien aus den 30er-, 40er- und 50er-Jahren. Standbilder aus Werbefilmen, Fotos von Schauspielern, Schnipsel aus Naturkundebüchern und Zeitschriften, Postkarten mit britischen Landschaften – all das ist geschickt miteinander verbunden. Die Verknüpfung der Einzelteile erscheint im Wechsel anarchisch, ironisch, nichtsnutzig. Seine Serie „Natural History“ (2012–2013) besteht aus Filmstandbildern oder Innenraumszenen, in denen jeweils ein Teil des Abzugs vom Foto eines Vogels oder einer Naturansicht überlagert wird.

Viele der Filmstandbilder stammen aus einem ehemaligen DDR-Archivbestand, den Stezaker kürzlich aufgekauft hat. Der Zusammenprall der Elemente in seinen Collagen wird nun allerdings durch den harten Zusammenprall der Bildkategorien betont. Die Flucht in die fotografische Illusion bleibt am Eselsohr des Fotopapiers hängen.

In Stezakers „Tabula Rasa“-Serie (2012) wird dagegen das überlagernde Element durch einen ausgeschnittenen Teil des ursprünglichen Abzugs abgelöst. Das „Andere“ wird so durch das Abwesende ersetzt. Der Künstler spielt hier mit der Verbindung von Überlagerung und Tarnung. Stezakers ambivalente Haltung zur Fotografie ist hier der entscheidende Punkt. Die Abzüge selbst sind häufig sepiagetönt und zerknittert. Ihr Gebrauch ist mit einer Nostalgie getränkt, die sich die klassischen Foto-Strukturalisten in ihrem Streben nach Objektivität schlicht verkneifen würden.

Es scheint, als ob das Medium Film, diese Spannung zwischen der Fotografie als Bildmotiv und der Fotografie als Bildobjekt, die Stezaker in seiner Kunst kultiviert, ausschließen würde. Und tatsächlich: In drei neuen Filmen des Künstlers unterwirft sich das Einzelbild einer exponentiell wuchernden Vervielfältigung, die es am Ende vollkommen dematerialisiert. Jeder der drei Filme konzentriert sich jeweils auf ein Bildmotiv – ein Pferd, eine Gruppenszene sowie das Innere einer Kathedrale. Es sind Motive, die Stezaker in hundertfacher Variation gesammelt und nun in der herkömmlichen Filmgeschwindigkeit von 24 Bildern pro Sekunde abspielt. Der visuelle Effekt gleicht dem eines übermenschlichen Daumenkinos.