Serie: Die Berlin.Macher - Start-Ups im Porträt

Auf die Auswahl kommt es an

Der Buchhandel stirbt? Frithjof Klepp will mit seinem Laden „ocelot“ in Mitte das Gegenteil beweisen

Als Idee wirkt es zunächst einmal mutig. Die Eröffnung eines Buchladen in der analogen Welt. Analog, ein Wort, das schon vor Langem zum Synonym für wirtschaftliche Abgeschlagenheit wurde. Schreibt nicht nur das Digitale schwarze Zahlen? Doch genau dieses Schwarz-Weiß-Denken ist es, was manch kramiger Kiezbuchhandlung den Kopf kostet und Versandhandelswebsites zu unpersönlichen Buchlieferanten macht. Diese Lücke möchte Frithjof Klepp mit seiner Buchhandlung „ocelot – not just another bookstore“ füllen. Er verknüpft Offline-Buchhandlung mit einem ebenfalls kuratierten Online-Shop. In Kürze wird Klepp dort auch e-Reader und e-Books im Angebot haben. Von ideologischen Grabenkämpfen keine Spur.

Während er von seinem modernen Konzept erzählt, fühlt man sich ein wenig ertappt. Geht dieses doch bereits beim Betreten der ehemaligen Schlecker-Filiale nur allzu gut auf. Im Eingangsbereich befindet sich ein kleiner Cafébereich. An einem langen Holztisch können die Kunden in Ruhe einen Kaffee trinken und dabei lesen. Durch den Boden und die Decke aus Beton wirkt der Laden sehr urban, die Holzbücherregale an den Wänden sorgen für ein wenig gewohnte Buchladen-Gemütlichkeit. Zwischendurch Sitzplätze, um in den Werken zu schmökern. „Meine Kunden sollen nicht vom Angebot erschlagen werden. Wir füllen die Fläche lieber nur zu 25 Prozent und dafür mit Büchern, von denen wir meinen, dass sie unsere Kunden interessieren“, erklärt Frithjof Klepp.

Weniger ist mehr

Tatsächlich ist das Angebot überschaubar. Wer sich eine Stunde Zeit nimmt, kann sich sicher sein, jeden Buchtitel gesehen zu haben. Undenkbar in den bis unters Dach gefüllten Buchhandelsketten. Die Auswahl reicht von Romanen, bis hin zu politischer Literatur und Graphic Novels. Ist das gewünschte Buch nicht dabei, kann es bis zum nächsten Tag bestellt werden. „In Zeiten, in denen sich jeder im Internet in Echtzeit den nächsten Bestseller bestellen kann, kommt es mehr denn je auf die richtige Auswahl der Bücher an – das ist unser Mehrwert“, erklärt Klepp selbstbewusst.

Der 38-Jährige ist gelernter Buchhändler und hat schon viel von der Branche gesehen. Nach Stationen bei, unter anderem Kiepert, dem „Divan“ in Charlottenburg und „Kohlibri“, merkte er, dass es gerade in Mitte noch Potenzial für eine große Buchhandlung gab. Im Juni 2013 eröffnete die Buchhandlung in der Nähe des Rosenthaler Platzes. Nachdem er die Konkurrenz ausgiebig analysiert hatte, wusste er, wie sein Geschäft aussehen sollte. „Mir ist es wichtig, dass die Kunden ungestört stöbern können und wenn sie Beratung wollen, wir für sie da sind“ sagt Klepp. Er sieht die Buchbranche in Deutschland nicht am Boden, wie vielleicht in England oder Amerika. Das gedruckte Buch mache in Deutschland immer noch was her.

„Aber der Handel selbst wird sich noch verändern“, prophezeit Klepp. Zu viele Händler im Einzelhandel hätten verschlafen, sich darüber Gedanken zu machen, wie Menschen heutzutage einkaufen möchten. Angenehmes Licht, eine ruhige Atmosphäre sorgen dafür, dass man lange verweilen möchte. Das attraktive Sortiment dafür, dass man ein wenig zu viel Geld ausgibt. Kleine Kuscheltiere und Schlüsselanhänger neben der Kasse – das gibt es bei „ocelot“ nicht. Alles soll sich rund ums Buch drehen. Merchandise-Ablenkung ist unerwünscht, auch wenn die Gewinnspanne bei diesen Artikeln weitaus höher ist als bei Büchern. Lediglich ein paar Notizbücher und edles Geschenkpapier gönnt sich der „ocelot“ zu verkaufen.

Zwei Angestellte, ein Chef

Derzeit führt Klepp den Laden mit zwei festen Angestellten. Für ein Geschäft, das von Montag bis Sonnabend zwischen 10 und 20 Uhr geöffnet ist, wenig. Viel Freizeit bleibt da nicht mehr. „Verliert man nicht irgendwann die Lust am Lesen, wenn es zum Beruf wird?“ Eigentlich nicht – er lese um die fünf Bücher im Monat. Vor allem im Frühjahr und Herbst ist viel los. Dann stellen die Verlage ihre neuen Bücher vor. Dies ist zugleich die größte Hürde – denn dann muss ausgewählt werden, was auf die Ladenfläche soll. „Es gibt eine unfassbare Menge an Büchern. Parallel sind etwa eine Million Bücher auf dem Markt“, sagt Klepp. Darunter sei natürlich auch sehr viel Quatsch. Doch eben auch Gutes. Dem Buchhändler ist es wichtig, nicht intellektuell verblendet an die Auswahl der Bücher zu gehen. Jeder soll lesen, was gefällt.

Es gibt auch eine Sektion englischer Bücher. „Ocelot“ zieht dank seiner Lage viel internationales Publikum an. „Mitte ist eine spannende Gegend, es gibt viele interessante Leute. Ein guter Ort für eine Buchhandlung“, sagt Klepp. Doch auch die Internetpräsenz spielt für die Buchhandlung eine große Rolle. Auf dem Blog von „ocelot“ findet man Buchkritiken und Tipps. Ein Veranstaltungskalender informiert über die im Laden stattfindenden Lesungen. Und „ocelot“ hat eine weitere Besonderheit. Von der Verkaufsfläche gelangt man durch eine Glastür direkt in die Stadtbibliothek Mitte. Auf den ersten Blick widersprüchlich. Schließlich möchte eine Bibliothek Bücher verleihen und ein Buchladen Bücher verkaufen. Doch die Verbindung des Geschäfts mit einem öffentlichen Raum weckt Neugierde. „Eine Bibliothek zieht leseaffines Publikum an. Und auch regelmäßige Bibliotheksbesucher kaufen sich ab und zu ein Buch. Das tun sie dann im besten Fall bei uns“, erklärt Klepp.

Draußen, über dem Geschäft, steht in großen Druckbuchstaben „ocelot, not just another book store“. Klepp hatte das Wort „ocelot“ irgendwo aufgeschnappt. Ein Ozelot ist eine nur noch selten vorkommende Raubkatze. Die Maserung seines Fells sieht aus wie eine Mischung aus Leopard, Tiger und Zebra. Ziemlich schön und ziemlich außergewöhnlich.