Neuauflage

Der Pfad zum Kult ist mit Schweinereien gepflastert

Ernest Hemingways erster und bester Roman „Fiesta“ in einer Neuübersetzung

„Ihr seid alle eine verlorene Generation“, rief Gertrude Stein eines Tages Anfang der Zwanzigerjahre dem jungen Ernest Hemingway zu. Sie hatte den Satz auf der Straße von einem Automechaniker aufgeschnappt und fand ihn offenbar ganz treffend. Deshalb darf man das via Gertrude Stein ausgeborgte Motto, das Hemingway dem Roman „Fiesta“ (Rowohlt) vorangestellt hat, auch nicht allzu wörtlich nehmen. Es ist flankiert von einem zweiten, es stammt vom Prediger Ecclesiastes: „Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt; die Erde aber bleibt ewiglich… Die Sonne geht auf und geht unter und läuft an ihren Ort, dass sie wieder daselbst aufgehe.“ Das klingt weniger nach einmaliger Tragik als nach ewiger Wiederkehr; es öffnet die Perspektive, bis das Pathos des Scheiterns vor einem alle Generationen übergreifenden Horizont verblasst. Außerdem klingt es verdächtig nach Hemingway, dem durch Aneinanderreihung von kurzen, starken Hauptsätzen erzeugten Beschwörungssound, der bald sein Markenzeichen wurde.

Paradoxerweise dient die Behauptung dieses Verlorenseins nicht nur der Identitätsstiftung der Gruppe, sondern zugleich dem Fortkommen des Autors, dessen Ehrgeiz es in der Selbstherabwürdigung verschleiert. Und die Unmittelbarkeit des Erlebten, des prägenden Ereignisses, das die Kohorte zusammenschweißt, beginnt bereits im Zuge der formalen Gestaltung zum Manierismus zu gerinnen. Ein Roman, der implizit den Anspruch erhebt, ein Lebensgefühl auszudrücken, muss sich daher wie ein Vexierbild auf zwei Arten lesen lassen: identifikatorisch und mit ironischer Distanz. Der Autor eines Generationsromans in spe sitzt an der Quelle eines neuartigen Stoffs – und füllt sie in Flaschen ab, die ihm die Leser aus den Händen reißen.

An dieses Rezept hielt sich auch Hemingway unmittelbar nach einer Pamplona-Reise mit seiner Pariser Entourage im Juli 1925. Wie Flauberts „Madame Bovary“ beginnt die Geschichte mit der detaillierten Vorstellung einer Nebenfigur, in diesem Fall dem etwas beschränkten, schüchternen, aus Verzweiflung hochnäsigen Schriftsteller Robert Cohn, modelliert nach einem gewissen Harold Loeb, mit dem Hemingway damals oft Tennis spielte und der auch in Pamplona dabei war. Über ihn heißt es: „Er hatte W. H. Hudson gelesen. Das klingt nach einer harmlosen Beschäftigung, aber Cohn hatte The Purple Land gelesen und wiedergelesen. The Purple Land ist ein fatales Buch, wenn man es zu spät im Leben liest. Es erzählt von großartigen, erdichteten Liebesabenteuern eines perfekten englischen Gentleman in einem ungeheuer romantischen Land, dessen Landschaften sehr gut beschrieben werden. Dass ein Mann das mit vierunddreißig als Ratgeber dafür nimmt, was das Leben zu bieten hat, ist ungefähr so erfolgversprechend, wie wenn jemand im selben Alter, ausgestattet mit den praxistauglicheren Werken von Alger, direkt aus einem französischen Kloster an die Wall Street gehen würde.“

Das ist vordergründig angenehm boshaft und hintergründig die heimliche Poetik des Romans, den Hemingway gerade schrieb. Auch jener schwelgt in einer ungeheuren Romantik, wenn auch einer ungeheuer kaputten. Prompt nach seinem Erscheinen überschlugen sich die Kritiker vor Lob.

Nur Hemingways Mutter, die das Buch in ihrem Literaturkreis besprochen hatte, klagte bitterlich: Ernest verschwende sein Talent, indem er eine derart abgetakelte Gesellschaft beschreibe. „Hast du denn alles Interesse an Ehre, Vornehm- und Feinheit des Lebens verloren?“, fragte sie in einem Brief. „In deinem Wortschatz müssen doch noch andere Wörter als ,verdammt’ und ,Bitch’ vorkommen.“ Im Gegensatz zu ihrem Sohn hatte sie nicht verstanden, dass der Pfad zum Kult mit Schweinereien gepflastert ist. Das haben Hemingway so ziemlich alle Schreiber von Generationsromanen nachgemacht.

Ernest Hemingway: Fiesta A. d. Englischen v. Werner Schmitz, Rowohlt, Reinbek, 320 S., 19,95 Euro