Fluchtversuch ins Paradies

Von Werther über Harry Haller bis hin zu Werner Holt: Zehn Romane, die ganze Generationen prägten

In Stahlgewittern

„Der Zweck dieses Buches ist“, so schreibt Ernst Jünger 1920 im Vorwort, „dem Leser sachlich zu schildern, was ein Infanterist als Schütze und Führer während des großen Krieges inmitten eines berühmten Regimentes erlebt und was er sich dabei gedacht hat.“ Gegen die romantisierenden Heldengeschichten der Vorväter wollte der junge Stoßtruppführer die Leere, Brutalität und Maschinenhaftigkeit der neuen Kriege stellen. Er schuf damit den Heldenepos für den einfachen Soldaten der Moderne: ein Lorbeerkranz aus Stacheldraht.

Ernst Jünger: In Stahlgewittern. Klett-Cotta, 324 Seiten, 24,95 Euro

Der Steppenwolf

Natürlich verfehlte die antibürgerliche Kulturkritik dieses Romans schon 1927 ihre Wirkung nicht. Aber Epoche machte die Geschichte des Harry Haller erst Jahrzehnte später. Die Hippie Generation erklärte sie zu ihrem Kultbuch, weil sich hier „Aggression gegen die Gesellschaft" mit einem Hang zur Flucht in künstliche Paradiese verband, in die Ekstasen von Musik, Rausch und Drogen. Die Renaissance des so eminent alteuropäischen Hermann Hesse in Amerika um 1970 war zwar ein klassisches produktives Missverständnis, aber sie griff trotzdem auf Deutschland über. Gleichermaßen in Ost und West.

Hermann Hesse: Der Steppenwolf. Suhrkamp, 288 Seiten, 7,99 Euro

On The Road

Zwanzig Tage im April, in denen Jack Kerouac eine 40-Meter-Rolle Papier volltippte. „On the Road“, erst 1957, sechs Jahre später, in einer neuen Fassung erschienen, sollte eine Straße sein: „Vor mir lag der riesige ungeschlachte Rumpf und Wulst meines amerikanischen Kontinents … Kalifornien ist weiß wie Wäsche an der Leine.“ Die Beatniks – in der Urfassung noch beim Klarnamen genannt: Ginsberg, Allen; Cassady, Neal – taten ein letztes Mal so, als wären sie Pioniere und nicht gefangen im Kreislauf der Moderne. Stimmte nicht - Kerouac starb im Sitzen, vor der Glotze. Die Sehnsucht nach dem Geradeauslauf ist seither nur größer geworden.

Jack Kerouac: On the road – Die Urfassung. rororo, 576 Seiten, 9,99 Euro

Im Westen nichts Neues

Der andere Klassiker über den Weltkrieg: Wo Ernst Jünger „ich“ sagt, sagt Erich Maria Remarque „wir“. Fast vergisst man darüber, dass „Im Westen nichts Neues“ einen Ich-Erzähler beschäftigt. „Wir legen die Toten in einen Trichter.“ „Wir holen eine Bahre.“ „Wir“ - blutjung - „sind alte Leute.“ „Im Westen nichts Neues“ sei das Buch einer Generation, die vom Kriege zerstört wurde –„auch wenn sie seinen Granaten entkam“. Das schreibt Remarque auf das Vorsatzblatt, wo Vorsätze ja hingehören. Bei der einen Generation geblieben ist es nicht.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues. KiWi-Paperback, 224 Seiten, 6,99 Euro

Der Fänger im Roggen

Will man das wirklich hören, „den ganzen David-Copperfield-Scheiß“, fragt Holden Caulfield im ersten Satz, der zugegebenermaßen ziemlich lang ist, aber gar nichts von zum Beispiel Proust hat. J. D. Salinger holt seine Leser da ab, wo sie sind: in Opposition zum klassischen Bildungskanon. Um ihn dann doch zu variieren. Am Ende, nach Geplauder mit Prostituierten und Erkundigungen über den Ort, an dem die Enten im Central Park überwintern, ist ein klassischer Bildungsroman fertig, mit genug Herz, Schmerz und Hipness, um als Fixstern am Himmel der Kultromane zu stehen.

J.D. Salinger Der Fänger im Roggen. rororo, 272 Seiten, 8,99 Euro

Die Abenteuer des Werner Holt

Dieter Nolls Entwicklungsroman, zwischen 1960 bis 1963 erschienen, gehörte zum Schulstoff in der DDR. Erzählt wird die düstere Geschichte einer Gruppe blutjunger Gymnasiasten, die freiwillig als Flakhelfer in den Zweiten Weltkrieg ziehen. Es geht um Ideale, Verführung, Verrohung und Verbrechen. Und natürlich um Erkenntnis. Werner Holt ist derjenige, der sich am Ende aus Landsknechtmentalität befreien wird und überlebt. Und eine kritische Haltung einnehmen wird. Merkwürdigerweise wurde das Buch damals als reine Antikriegsliteratur verstanden und kaum als Lehrbuch des generellen Aufbegehrens gegen alle falschen Ideale.

Dieter Noll: Die Abenteuer des Werner Holt. Aufbau, 519 Seiten, 10,99 Euro

Die neuen Leiden des jungen W.

Es ist ungerecht, Goethes „Werther“ als Anleitung zum Selbstmord zu betrachten. Die Suizidwelle, die der 1774 erschienene Briefroman angeblich auslöste, ist umstritten. Immerhin lief eine ganze Generation von vereinsamten Träumern in blauem Frack, gelber Weste und Stulpenstiefeln durch die Landschaft. Zweihundert Jahre später versucht der Ulrich Plenzdorf, Goethes „Werther“ zu verstehen. Der Roman beschreibt, wie der Vater des jungen Edgar Wibeau Nachforschungen über die Todesumstände seines Sohns anstellt. Das Umfeld befragt. Das Buch hat in der DDR viele Diskussionen über den Umgang der Gesellschaft mit der Jugend ausgelöst.

Ulrich Plenzdorf: Die neuen Leiden des jungen W. Suhrkamp, 160 Seiten, 6 Euro

Die Reise

Sein Vater war ein Nazi-Dichter, die Mutter seines Kindes war Gudrun Ensslin: Bernward Vespers lange, Roman gewordene Leidensgeschichte „Die Reise“ hat immer mehr von ihrem Legendenstatus als von ihren Lesern gelebt. Aber das Buch roch auch noch aus sicherem Abstand nach LSD, RAF und frühem Leid. Dass es Fragment blieb, kein Wunder: Gut gehen konnte hier nichts. Bernward Vesper nahm sich 1971 in der Psychiatrie das Leben. Den entsetzlichen Deutschen Herbst, dessen entsetzlichen Roman er geschrieben hat, hat er nicht mehr miterlebt.

Bernward Vesper: Die Reise. rororo, 720 Seiten, 12,99 Euro

American Psycho

Der Roman „American Psycho“ schlug 1991 ein wie eine Bombe. An der hatte Bret Easton Ellis lange gebastelt. „Unter Null“ leitete 1985 das explosive Triptychon amerikanischen Ennuis ein, per Verzweiflung auf Valium. Schon in „Einfach unwiderstehlich“ zwei Jahre später hatte sich die Larmoyanz verloren. Sie war einer zynischen Zustimmung zur Kaputtheit der geschilderten Jugendlichen gewichen – Spiegelbildern der Gesellschaft. Hier tauchte das erste Mal Patrick Bateman auf, der Prostituierte mordende Genesis-Fan aus der surrealistischen Satire „American Psycho“, die man auch als letztes Kapitel eines Bildungsromans lesen kann.

Bret Easton Ellis: American Psycho. KiWi, 560 Seiten, 12,99 Euro

Faserland

Die Kritiker waren Christian Kracht 1995 ungnädig. Ihnen passte weder, dass er das Bengelchen, das den Roman „Faserland“ erzählt, locker loslabern ließ – „Ich denke: Sylt ist eigentlich super schön“ – , noch dessen Vorliebe für Yuppie-Accessoires wie Barbourjacken und Porsches. Wer aber um 1990 aufgewachsen war, verstand die abgründige Ironie sofort, die Kritik an der ästhetischen Zumutung deutschen Lebens und deutscher Literatur. Ein Buch wie ein Fenster, das man nach einer zu langen Nacht aufstößt, um Luft zu holen.

Christian Kracht: Faserland. dtv, 160 Seiten, 7,90 Euro