Kino

Fluch der Prärie

Der Western ist tot. Daran kann selbst Johnny Depp nichts ändern. „Lone Ranger“ ist der Beweis

Johnny Depp hat einen Vogel. Er lügt wie gedruckt. Und er ist viel zu alt und gehört ins Museum. Es soll ja Leute geben, die vor allem Ersteres schon seit geraumer Zeit denken. Und letzteres hat der Schauspieler, gerade 50 geworden, kürzlich selbst kundgetan: dass er überlege, aus dem Filmgeschäft auszusteigen. Aber all dies sind keine wüsten Unterstellungen unsererseits. Sondern ein genauer Steckbrief für seine neueste Rolle.

Der Held ist der andere

Zu Beginn von „Lone Ranger“, der diese Woche bei uns anläuft, stakst ein kleiner Junge im Cowboy-Outfit anno 1933 auf einem Jahrmarkt in ein Zelt, in dem diverse Stars des Wilden Westens ausgestellt sind. Und da steht er dann: Johnny Depp, uralt und ausgestopft. Mit einer (ebenfalls ausgestopften) Krähe auf dem Kopf, als bizarrer Haarschmuck. Depp erwacht dann ganz schnell zum Leben. Und erzählt dem Jungen die wahre Geschichte von Lone Ranger, dem Rächer mit der Maske, und dessen Kumpan, dem Indianer Toto. Und natürlich ist alles ganz anders, als man das kannte. Das heißt: So richtig kennt man das ja nicht.

Das Blockbuster-Kino steckt tief in der Krise. Es hat so ziemlich jede erfolgreiche Serienfigur und jeden Comicheld als Filmspektakel ausgereizt. Da muss man schon ganz tief in die Mottenkiste greifen, um noch auf Originelles zu stoßen. Und findet dann etwa eine amerikanische Hörfunkreihe wie „The Lone Ranger“, die just in jenem Jahr, in dem der Film einsetzt, über den Äther ging und bis 1954 lief, als sie auch längst ein Fernsehhit war. Das aber ist lange her. Man muss sich schon sehr jung und naiv geben, wie der kleine Junge mit dem Cowboyhut, um davon fasziniert zu sein.

Johnny Depp ist dann so etwas wie Dustin Hoffman in „Little Big Man“, wo dieser auch einen ur-ur-alten Indianer spielte und die Geschichte seiner Nation neu erfand. Bei „Lone Ranger“ ist mit dieser Erzählperspektive schon mal klar, dass das Hauptaugenmerk nicht mehr länger bei dem Titelhelden liegt, sondern bei dessen Sidekick. Das ist, als wäre Watson der Held bei Sherlock Holmes oder Sancho Pansa bei Don Quichotte. Und ist, einmal mehr, Startschuss für einen reinen Johnny-Depp-Zirkus, bei dem alles drumherum nur Staffage ist.

Die Fans wird‘s freuen. Johnny Depp ist ja wahrlich ein Unikum. Wie keinem sonst gelingt es ihm, Rollen so auszuwählen und so zu gestalten, dass sie alle Brüder im Geiste sind, und zwar ziemlich schräge. Fast immer wirkt Depp wie aus der Welt gefallen, wandelt er somnambul durch die Handlung, wie bei „Edward mit den Scherenhänden“, nur ohne Scheren. Einer, der über die Welt staunt. Und über die Zuschauer, die ihm dabei die Stange halten. Ein liebevoller Freak, aber stets auch ein Neutrum. Wegen seines frühen Lover-Image spielt er höchstens tuntig, aber am liebsten ganz asexuell. Und schafft es damit, niemanden zu verprellen und bei allen beliebt zu sein. Bei Frauen wie Männern, bei Kindern und Alten. Johnny Depp ist der eine Filmstar, auf den sich alle einigen können. Nur hat sich das bei inzwischen vier „Fluch der Karibik“-Filmen so zum Selbstläufer entwickelt, dass Johnny Depp buchstäblich daneben steht. Und der Film eigentlich ohne ihn abläuft.

Pistolen statt Säbel

Bevor er nun zum fünften Mal den Captain Sparrow spielen wird, hat er mit „Fluch“-Regisseur Gore Verbinski einen Ausflug in den Western gemacht. Das war folgerichtig. Verbinski hat vor zwei Jahren auch „Rango“ gedreht, einen abgedrehten Animationsfilm mit einem Chamäleon als Westernheld. Die Stimme lieh – natürlich Depp. Ein real gedrehter Western der beiden mit „Fluch"-Produzent Jerry Bruckheimer schien da naheliegend. Depp hat das ganze Projekt ins Rollen gebracht, indem er sich nur zum Spaß maskiert, mit der Krähe ausstaffiert und den Disneys als Foto geschickt hat. „Lone Ranger“ sieht denn auch aus wie „Fluch der Karibik“, nur mit Pferden statt Planken und Pistolen statt Säbeln. Kein wilder, ein milder Western.

Armer Armie Hammer! Der spielt den Ranger, den eigentlichen Helden: Ein Greenhorn, das an Recht und Ordnung glaubt. Dann aber erleben muss, wie im Wilden Westen auf das Gesetz gepfiffen wird. Und mit seiner Maske zorro-gleich zum Rächer wird. Hammer, bisher nur bekannt als doppelter Zwilling in „Social Network“ und als Prinz in „Spieglein Spieglein“, kriegt hier einen Wie-werde-ich-Cowboy-Crashkurs durch besagten Toto. Und all seine Erfolge, aber auch alle Lacher verbucht stets der stoisch dreinguckende, ja eigentlich gar nicht mehr spielende Depp. Darum herum lassen Verbinski und Bruckheimer Pferde Flaschen öffnen, Holzbeine schießen und Züge durch die Luft sausen. Dazu klaut man sich die bösen Eisenbahner aus „Spiel mir das Lied vom Tod“ und Buster Keatons Zug-Stunts aus „Der General“. Das alles ist so spektakulär wie hanebüchen. Wie in den ganz frühen Kintopptagen: Film als Schaubudensensation. Die Rahmenhandlung im Jahrmarktzelt ist da ganz richtig gewählt.

Nur ist „Lone Ranger“, wie jeder „Fluch der Karibik“-Film ja auch, mit 149 Minuten viel zu lang. Und ein Klassenziel erreicht dieses Popcorn-Spektakel dann doch nicht: das Western-Genre wieder zu beleben. Mit dem längst verwesten Piratenfilm ist das den Herren Depp, Verbinski & Bruckheimer gelungen. Der Western aber, der schon seit Jahrzehnten siecht, ist das amerikanischste aller Filmgenres. Das Pathos von einst kann man heute nicht mehr aufbringen, dazu wurden die alten Mythen zu sehr entzaubert. Aber eine reine Slapstick-Parodie, das funktioniert auch nicht. Spätestens wenn man erfährt, warum Toto ein solcher Kauz ist, weil nämlich sein ganzer Stamm massakriert wurde, hätte es dringend auch anderer Töne bedurft. Darüber kann man nicht einfach hinwegalbern. In den USA floppte der Film denn auch empfindlich. In der Hinsicht macht Depps selbst gewähltes Outfit tiefen Sinn: Wer den Western wiederbeleben will, muss einen Vogel haben.