Forschung

Die chaotische Zettelwirtschaft des Theodor Fontane

Der märkische Dichter überarbeitete oft seine Manuskripte. Ein Besuch im Museumsdepot

Es gibt Sätze in der Weltliteratur, die vergisst man nicht, weil sie auch nicht besser sein könnten. So einen Satz gibt es am Ende von Theordor Fontanes Gesellschaftsroman „Effi Briest“. Das arme Mädchen ist tot, und der alte Briest sagt zu seiner Frau: „Ach, Luise, … das ist ein weites Feld.“ Alle Deutungs- und Interpretationsmöglichkeiten liegen in diesem einen Satz. Klar, Duelle existieren heute nicht mehr. Aber alles andere, Seitensprünge, Unglücklichsein und lange nichts dagegen tun. Instettens also überall, und Effis ohnehin. Mein zerfledderter Effi-Band mit diesem allerletzten Satz ist mehrmals rot unterstrichen, ganz dick und kräftig.

Der Dichter war penibel

Und da liegt sie nun, vor uns ausgebreitet: die originale Effi, und mit ihr dieser Satz. Kapitel 36, in Sütterlin geschrieben mit schwarzen ausladenden Tintenschwüngen, aufbewahrt in einer etwas verblassten blauen Mappe aus Karton. Man muss gar nicht allzu bibliophil sein, um die Macht des Originals wahrzunehmen. Wie ein Zeitspeicher wirken die losen Blätter, wenn man bedenkt, wie viele Generationen von Abiturienten und Germanistikstudenten daran gebüffelt haben. Offenbar auch Fontane selbst.

Wild hat der Schriftsteller mit blauem Stift in diesem letzten Absatz herumgestrichen, hinzugefügt, wieder gestrichen. Der letzte Satz, so klar stand er wohl noch nicht fest beim Verfassen. Wer Sütterlin nicht beherrscht, ist hier komplett aufgeschmissen. Fontane war penibel, er nahm stets mehrere Verbesserungen an seinen Manuskripten vor. Und seine arme Frau Emilie durfte die Endfassung in gestochener Schrift verfassen, die an den Drucker ging. Dabei hinterließ der Berliner eine ganz schöne Zettelwirtschaft. Was er als „gut“ bewertete, schnitt er aus, klebte den Papierabschnitt dort wieder ein, wo er neu weitermachte. Heute würde ihm da fix die „Copy and Paste“-Taste des Computers helfen.

Bettina Machner kann viel „über den Theo“ erzählen. Und wenn sie das tut, hört sich das derart vertraut an, als wären die beiden mal gute Freunde gewesen. In gewisser Weise sind sie das auch, Bettina Machner arbeitet als studierte Germanistin schon seit bald drei Jahrzehnten am Fontane-Nachlass, der seit 1902 zum Märkischen Museum gehört. Damals wurde im neuen Haus in Mitte eigens ein Fontane-Zimmer eingerichtet. Einige Ausstellungen hat Machner schon kuratiert. Auch Bücher hat sie geschrieben. Der märkische Dichter ist seit ihrem Staatsexamen ihr „Lieblingsautor“.

Nun also ist sie die Gralshüterin seiner fragilen Blätter, die im Museumsdepot in einem denkmalgeschützten Industriegebäude von Hans Poelzig in Spandau untergebracht sind. Und damit die Museumsferne nicht so arg drückt, haben die Mitarbeiter die langen, typisch tristen Verwaltungsflure mit allerlei Museumsobjekten bestückt, gelbe Modefigurinen der DDR-Mode hängen da hübsch gerahmt an der Wand ebenso wie Fotografien und Plakate aus Alt-Berlin.

Dass diese museale Idylle ein Hochsicherheitstrakt mit winzigen Kameras an den Fenstern ist, sieht man erst viel später. Schließlich lagert hier neben Fontane bei Bettina Machner im Arbeitsraum noch anderes kostbares Kulturgut, darunter Chamissos romantischer „Peter Schlemihl“ und de la Motte Fouqués schöne „Undine“. Machner öffnet einen schmalen Plakatschrank, aus einem altmodischen Pappschächtelchen holt sie einen Ring mit einem winzigen Krönchen heraus. Königin Luise hat ihn einst als „Spende“ an August Wilhelm Iffland geschickt, der Geld brauchte.

24 altmodische, gestapelte, jagdgrüne Archiv-Boxen gehören Fontane: „Cecile“, „Stine“, „Schach von Wuthenow“, die „Kinderjahre“ sind vollständig, „Vor dem Sturm“, „L’Adultera“, alles da an Originalmanuskripten. Bettina Machner ist ausgerüstet mit weißen Baumwollhandschuhen, jeder Fettfinger wäre auf den empfindlichen Blättern wie ein kleiner Tod, einige Manuskripte hat sie vor uns auf einem gewaltigen Schreibtisch ausgebreitet. Sieht aus wie der von Fontane aus seiner Wohnung an der Potsdamer Straße, ist aber ein Fake, zu DDR-Zeiten für eine Ausstellung gefertigt. Das Original wurde im Zweiten Weltkrieg ausgelagert und gilt als verschollen.

Kuriositäten und Spleens

Das Besondere an dem freistehenden Möbel waren die Schubladen, über zwanzig, halt für die vielen Entwürfe, die Fontane oft jahrelang liegen ließ, weil er parallel an anderen Themen arbeitete. Machner weiß nicht, ob Fontane vielleicht einen Spleen hatte oder ob er einfach nur sparsam war. Jedenfalls benutzte er die leeren Rückseiten von bereits benutzten Blättern als Entwurfspapier. Dabei hat Machner schon einige Kuriositäten und literarische Schmankerl gefunden. Immerhin 10.000 Blatt sind zu sichten, darunter auch ein Brief des damals jungen Rilke an den „verehrten Meister“. Der junge Dichter hatte dem erfolgreichen Kollegen seinen ersten Gedichtband „Larenopfer“ aus Prag nach Berlin geschickt. Fontane fand es wohl nicht schlecht, hielt Rilke allerdings wegen seines zweiten weiblichen Vornamens für eine Frau. Das wollte dieser nicht auf sich sitzen lassen, er schrieb Fontane, dass er sich „stets männlich im besten Sinne des Wortes“ betätigen will. Der allerdings benutzt das Blatt kurzerhand für ein Kapitel seiner Autobiographie „Von Zwanzig bis Dreißig“.

Draußen im „Vorlagezimmer“ arbeitet der 29-jährige Alexander Phillips. Der Doktorand kommt aus Kalifornien, hat sich dort selbst Sütterlin beigebracht und sitzt jetzt vor dem „Stechlin“. Wie aktuell ist der Dichter? „Sehr“ sagt er. Er recherchiert zum Thema Naturnähe und Umwelt. Auch damals hätte es mobile Medien gegeben, meint er. Der Vorläufer von Twitter und Facebook sei das Telegramm gewesen, das bei Fontane immer hin und her geschickt wird. Und wir denken wieder an den Briest-Satz „...das ist ein weites Feld…“ Der Satz passt halt heute auch noch.