Musik

Fünf Pianisten im Wettstreit

Im Konzerthaus stellte das Festival „Young Euro Classic“ vielversprechende Tasten-Jungstars im Zwei-Stunden-Takt vor

Fotogen ist er auf jeden Fall, der Joseph Moog. Sympathisches Breitbandlächeln. Schillernde Augen, in denen man sich verlieren kann. Cool nach hinten gegelte Goldlocken. Hochgewachsener, mächtiger Körper, der unter dem Anzug spannt. Irgendwie kann man es ja verstehen, dass da viele Zuhörer zu Hobbyfotografen mutieren. Doch dieses permanente Wetterleuchten im Konzerthaus – es schadet Moogs Klavierspiel ganz hörbar. Der 25-jährige Deutsche zieht sich zurück, schaltet auf Autopilot. Er lässt die Liszt-Opernparaphrasen regelrecht vorbeirauschen.

Alles auf sehr beachtlichem technischem Niveau, doch ohne wirklichen Drang zu hoher Klangkunst. Am besten gelingt ihm seine erste Zugabe: Chopins Nocturne op. 15 Nr. 2, in der er sich plötzlich wunderbar freischwimmt. Angesichts der harten Konkurrenz, die Moog an diesem Tag hat, ist das aber leider zu wenig. Denn das Festival „Young Euro Classic“ bietet einen Tag lang vielversprechende Tasten-Jungstars im Zwei-Stunden-Takt.

Allesamt sind sie Gewinner internationaler Klavierwettbewerbe. Da ist zunächst die Südkoreanerin Yedam Kim, die mit gepflegtem, federndem Anschlag für sich wirbt. Kultiviert und unaufgeregt durchwandert sie Beethovens „Waldstein-Sonate“. Gräbt ein Chopin-Rondo aus, das zu Recht selten gespielt wird. Zähmt Ravels dämonisches „La Valse“ in einfühlsamer Weise. Und lässt es nur in Skrjabins „Schwarzer Messe“ wirklich krachen.

Ganz anders Georgy Tchaidze. Vorbei ist es bei ihm mit Bravheit und Wohlgefallen. Der schneidige Russe serviert das unbequemste Programm des Tages. Zwischen Hindemiths derbe Suite „1922“ und Schostakowitschs langwierige h-Moll-Sonate op. 61 hat er Brahms‘ Rhapsodien op. 79 geklemmt. Ein interessantes Experiment. Denn Hindemiths Brutalität und Schärfe färbt zwangsläufig auf Brahms ab. Mit unerbittlicher Konzentration reitet Tchaidze die beiden Brahms-Ungetüme, ringt mit ihnen, gibt ihnen die Sporen. Noch aufregender geht es bei der Georgierin Tamar Beraia zu. Mit weit aufgerissenem Herzen und größter Leidenschaft wirft sie sich in die d-Moll-Chaconne von Bach/Busoni. Ihr Kopf senkt sich so tief in die Tasten, dass die Nase fast ihre Handgelenke berührt.

Es hat etwas Echsenartiges, dieses Klavierspiel. Bewundernswert die blitzschnellen Finger, die impulsiven Instinkte, der Mut zur Gefahr. Beraia ist eine genialische, tollkühne Draufgängerin, die mitunter Nerven zeigt. Krasse Formschwankungen nimmt sie bewusst in Kauf. Der Zuhörer erlebt auf diese Weise ein Wechselbad der Gefühle nach dem anderen. Debussys „Feux d’artifice“ – phänomenal. Debussys „Reflets dans l’eau“ – eindeutiger Schiffbruch. Ravels „Jeux d’eau“ – wieder phänomenal. Das halsbrecherische Tempo ihrer zweiten Zugabe, „La Campanella“ von Paginini-Liszt, wirkt wie ein angekündigter Selbstmord – haarscharf schlittert die Pianistin an der Katastrophe vorbei. Das Publikum steht Kopf.

Über jeden Zweifel erhaben schließlich der Jüngste: Nikolay Khozyainov. Sanft und meditativ lässt er Ravels „Gaspard de la nuit“ aus seinen Fingern fließen. Äußerlich wirkt Khozyainov wie ein schmächtiges Kind mit niedlichen Korkenzieherlocken. Innerlich glüht schon eine voll ausgebildete Künstlerseele. Feinsinnig artikuliert er Ravels ultravirtuosen „Scarbo“. Chopins „Barcarolle“ gleitet wehmütig dahin. Muxmäuschenstill wird es in Liszts h-Moll-Sonate. Keine Huster, keine Schnupfer, keine Schnauber stören die Musik. Die Atmosphäre lässt sich kaum mit Worten beschreiben. Khozyainov gelingt alles, er fesselt sein Publikum, gibt sich dem Sog der Musik hin, versinkt in unendlichen Weiten, bahnt sich traumwandlerisch die Wege. Dafür gibt es nur ein Wort: Sternstunde.