Konzert

Die fabelhafte Welt der Zaz

Die französische Sängerin feiert wild die Liebe, Freunde und eine lange, schöne Sommernacht. Allerdings ist der Klang in der Zitadelle etwas dünn

Die Schulreformen scheinen zu ziehen. Alle der vielleicht knapp 10.000, die sich nach Spandau zur Zitadelle aufgemacht haben, sprechen und singen das feinste Französisch überhaupt. Zaz spielt an diesem Abend, umrahmt von den Gemäuern aus der Hochrenaissance. Das passt sehr gut, ihre Stücke, den französischen Chanson streifend, den amerikanischen Rhythm and Blues passierend, im Vorbeigehen noch den Klezmer mitnehmend. Sie sind zwar nicht von 1575, lassen aber doch eine schon fast historische Klassik heraushören. Django Reinhardt blinzelt quasi aus dem Off der Bühne, wie Zaz’ Gitarrist mit schnellen Fingern einen Fliegenflug auf dem Griffbrett der Akustischen aufführt.

Das Konzert geht schon 45 Minuten und trotzdem scheint es so, als würde ein unsichtbarer Vorhang zwischen der 33-jährige Sängerin und ihrem Publikum liegen. Vielleicht, weil auf Französisch mitsingen doch einfacher ist, als ihre Bühnenansagen in dieser so tanzenden Sprache zu verstehen. Vielleicht aber auch, weil der Klang ein bisschen dünn ist. Jedenfalls unterhalten sich ganz viele Menschen und die Musik plätschert so vorbei. Ohnehin ist es ein Sommerkleid-Abend. Mäuse springen auf dem einen umher, während das andere voll mit Blumen ist. Und wieder andere kommen in Pumphosen und weiten Leinenhemden, und sie tragen das Haar so wild, so ungebändigt zottelig. Gleich, so passiert es häufig in Berliner Parks, müssten sie ihre Jonglage-Sets herausholen. Kleine Fackeln würden kreiseln, Bälle auch und Glaskugeln über ihre Körper gleiten.

Aber Zaz durchdringt den Vorhang dann doch. Nach einer dreiviertel Stunde, einzig und allein mit der Tröte von Isabelle. Zaz, die ja eigentlich Isabelle Geffroy heißt, imitiert mit dem Mund die Laute einer gedämpften Trompete aus den Tiefen einen Jazzkellers. „Je veux“, ihr größter Song, das Sinnbild ihres Erfolgs und gleichzeitig das Schlüsselstück, um Zaz als Identifikationsfigur verstehen zu können. „Donnez moi une suite au Ritz, je n’en veux pas. / Des bijoux de chez Chanel, je n’en veux pas!“ Eine Suite im Ritz, das brauch ich nicht, Schmuck von Chanel sowieso nicht. In den Refrain gleitend, fegt sie umher wie ein Derwisch, wie eine verzauberte Springmaus, um festzustellen, dass sie nur Liebe, Freude und gute Laune braucht, um zu überleben. „Je veux d’l’amour, d’la joie, de la bonne humeur“, heißt es dann auf Französisch.

Natürlich ist das Understatement. Aus der Position, aus der sie den Song geschrieben hat. Da tourte sie mit ihrer alten Band Diego durch ganz Frankreich, stand mit einem Cabaret mehre Stunden auf der Bühne, trat auf den Straßen von Paris auf, eben noch weit weg vom großen Durchbruch, da ist diese Haltung verständlich. Es ist der selbstbewusste Trotz einer talentierten Frau. Ihr „ich brauch das alles nicht“ nährt sich aus der Distanz dazu, aus der Ablehnung von Statussymbolen. Während mit der Zeit das „ich will aber Liebe, Freude und gute Laune“ nicht mehr aus Ermangelung an materiellen Alternativen gesungen wird, sondern aus der Erkenntnis einer, die es jetzt auch finanziell geschafft hat. Erst jetzt ist ihr „Je veux“ ein „Ich will“ aus freien Stücken.

Das kommt natürlich gut an, die Ablehnung der scheinbar wichtigen Accessoires, die insgeheim doch viele haben wollen. Das erklärt auch die verschiedenen Kleider und die teuren Schuhe, die bei Zaz getragen werden. Und trotzdem gibt Zaz den Zuschauern für diesen einen Abend das Gefühl, heute dürft ihr Hippies sein. Tanzt, vergesst den Kredit für euer Auto, die Sonne scheint, dreht euch im Kreis. Zaz versteht es durch den leichtfüßigen Klimper-Pop, den Chanson, der so kehlig kratzend vorgetragen wird, jedem ein Selbstbewusstsein einzugrooven, das Spaß macht. Die Zugabe beginnt mit Piafs „Dans ma rue“. Alles ist lila. Der Wirbelwind scheint für einen Augenblick gezähmt.